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Gewalt gegen Frauen: Ursachen und Folgen

Gewalt gegen Frauen ist eine der häufigsten Menschenrechtsverletzungen. Sie ist Ausdruck ungleicher Machtverhältnisse zwischen Männern und Frauen.

Ein aus bunten Origami-Vögeln gebastelter Schriftzug an einer Hauswand: Stop violence against women

Gewalt gegen Frauen ist eine der häufigsten Menschenrechtsverletzungen. Sie bringt Frauen in Lebensgefahr, gefährdet ihre körperliche und seelische Gesundheit sowie das Wohl ihrer Kinder mit Folgen für die ganze Gesellschaft. Die Täter:innen sind Menschen jeglichen sozialen und ökonomischen Hintergrunds, die Mehrheit von ihnen ist männlich. Der Grund: Gewalt gegen Frauen ist in patriarchal geprägten Gesellschaften Ausdruck ungleicher Machtverhältnisse zwischen Männern und Frauen. Die Ursachen der Gewalt liegen daher nicht nur auf individueller, sondern insbesondere auf struktureller Ebene. Sie müssen beseitigt und weitere Gewalt verhindert werden. Nur wenn frauenfeindliche Strukturen aufgelöst werden, kann Geschlechtergerechtigkeit geschaffen werden. Dann können Frauen und Mädchen gewaltfrei leben.

Was bedeutet Gewalt gegen Frauen?

Gewalt gegen Frauen ist eine der häufigsten Menschenrechtsverletzungen. Sie wurzelt in einem Macht-Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern. Sie gefährdet die Gesundheit von Frauen – oft auch die ihrer Kinder – und schränkt ihre gesellschaftliche Teilhabe sowie ihre Lebenschancen ein. Gewalt gegen Frauen und Mädchen ist weltweit verbreitet und kommt in allen sozialen Schichten vor, sowohl bei geringem als auch bei gehobenem finanziellem Wohlstand.

Welche Formen von Gewalt gibt es?

Es gibt verschiedene Erscheinungsformen der Gewalt: sexualisierte, physische, psychische, soziale und finanzielle Gewalt. Sexualisierte Gewalt ist eine Form von geschlechtsspezifischer Gewalt und auch Ausdruck von Diskriminierung. Frauen werden jedoch nicht nur sexistisch diskriminiert. Oft sind sie zusätzlich von weiteren Diskriminierungsformen betroffen, beispielsweise von Rassismus, Homophobie oder Ableismus. Diese wirken verschränkt miteinander, verfestigen und beeinflussen sich gegenseitig.

Was ist häusliche Gewalt?

Häusliche beziehungsweise familiäre Gewalt oder Gewalt in Partner:innenschaften oder engen sozialen Beziehungen bezeichnet jegliche Gewalt, die durch nahestehende Personen ausgeübt wird. Es handelt sich dabei um eine international anerkannte Menschenrechtsverletzung. Ziel dieser Gewalt sind Machtausübung und Kontrolle. Meistens wird die sogenannte häusliche Gewalt innerhalb einer Familien- oder (ehemaligen) Intimbeziehung ausgeübt.

Wer ist Täter:in, wer Opfer häuslicher Gewalt?

In einem Großteil der Fälle von Partnerschaftsgewalt sind Männer gegenüber Frauen – sowie häufig ihren Kindern – gewalttätig. Betroffene sexualisierter Gewalt in Beziehungen sind fast ausschließlich Frauen. Deutschland gehört in Bezug auf die Anzahl an Tötungen von Frauen aufgrund ihres Geschlechts (Feminizide) zu den traurigen Vorreiter:innen in der EU.

Was versteht man unter sexualisierter Gewalt?

Sexualisierte Gewalt bezeichnet sexuelle Handlungen gegen den Willen einer Person. Es handelt sich dabei um eine Zuwiderhandlung gegen das rechtlich geschützte sexuelle Selbstbestimmungsrecht. Sexualisierte Gewalt ist eine Form von geschlechtsspezifischer Gewalt. Sie reicht von verbaler Belästigung über ungewollte Berührungen bis hin zu Vergewaltigung. Andere Formen geschlechtsspezifischer Gewalt sind zum Beispiel Zwangsverheiratung, die sogenannte häusliche Gewalt oder Genitalverstümmelung.

Mit welchem Ziel wird sexualisierte Gewalt ausgeübt?

Bei sexualisierter Gewalt geht es immer um Machtausübung, Kontrolle und die Unterdrückung des Gegenübers, ausgedrückt in Form gewalttätiger sexueller Handlungen, die nicht einvernehmlich sind. Das heißt, die Gewalt wird sexualisiert und es geht nicht oder nicht vorrangig um sexuelle Befriedigung.

Unter welchen Bedingungen wird sexualisierte Gewalt ausgeübt?

Sexualisierte Gewalt ist ein schwerwiegendes Menschenrechtsverbrechen, das in Krisen und Kriegen vermehrt als Machtinstrument eingesetzt wird und auch in Friedenszeiten fortbesteht. Sie ist Ausdruck patriarchaler Strukturen, weltweit verbreitet in allen Kulturen, Religionen und Gesellschaften. Sexualisierte Gewalt kommt in allen sozialen Schichten und Einkommensklassen vor.

Was bewirkt sexualisierte Kriegsgewalt im Umfeld der Opfer?

In Kriegen wird sexualisierte Gewalt gegen Frauen auch mit der Absicht ausgeübt, die Männer der gegnerischen Gruppe zu demütigen. Eine grausame symbolische Botschaft, die auf patriarchale Denkmuster zurückzuführen ist. Sexualisierte Kriegsgewalt ist nur deshalb so wirkmächtig, weil sich alle Beteiligten des Konfliktes innerhalb dieser Denkmuster bewegen. Weltweit werden Frauen und insbesondere ihr Körper immer noch als Besitz ihrer Ehemänner, Väter und Familien betrachtet.

Was ist die symbolische Botschaft sexualisierter Kriegsgewalt?

Wird eine Frau vergewaltigt, gilt der Besitz des Mannes, also ihr Körper, nicht selten als beschädigt. Dem Feind wird signalisiert, dass er nicht in der Lage war, die Frau zu beschützen. Im Rahmen von Kriegsvergewaltigungen überlagern sich zudem oft sexistische und rassistische Motive: Eine Frau wird als Symbol einer anderen ethnischen Gruppe gesehen und ihre Vergewaltigung demonstriert die Überlegenheit über diese.

Was ist psychische Gewalt?

Psychische Gewalt beschreibt Handlungen, die emotionale und seelische Verletzungen der Betroffenen zur Folge haben. Zu ihren vielen Facetten zählen Einschüchterungen in Form von Blicken, Gesten oder Schreien. Dazu gehören Drohungen und Zwänge, wie beispielsweise die Drohung, Frauen ihre Kinder wegzunehmen oder Gewalt anzuwenden. Sie kann auch in Form von Erniedrigungen oder abwertenden und diskriminierenden Kommentaren sowie lächerlich machen in der Öffentlichkeit angewendet werden. Kontrolle, dominierendes Verhalten oder extreme Eifersucht sowie die Isolation der Betroffenen gehen oft mit psychischer Gewalt einher. Häufig wird sie durch nahestehende Personen verübt. Psychische Gewalt erfolgt auch online in Form sogenannter Cyber-Violence.

Wer sind die Täter:innen von Gewalt gegen Frauen?

Zu den Täter:innen von Gewalt gegen Frauen zählen Menschen jeglicher sozialer Zugehörigkeit, Nationalität, Religion sowie jeglichen Alters, Bildungs- oder ökonomischen Hintergrunds. Die Mehrheit der Täter:innen weltweit ist männlich, im Falle sexualisierter Gewalt sogar fast ausschließlich. Meist kommen sie aus dem engeren Umfeld der Betroffenen. Der Fall, dass Frauen durch eine unbekannte Person nachts im Park vergewaltigt werden, ist deutlich seltener. Die Täter:innen tragen auf individueller Ebene die alleinige Verantwortung für ihr Handeln und müssen zur Rechenschaft gezogen werden. Es ist jedoch relevant, die strukturellen Ursachen der Gewalt zu erkennen und zu bekämpfen.

Welche Ursachen hat Gewalt gegen Frauen?

Verantwortlich für eine Vergewaltigung ist niemals die gewaltbetroffene Person selbst. Weder ihr Verhalten, noch ihr Aussehen, noch ihre Kleidung rechtfertigen Gewalt. Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung werden überwiegend von Männern begangen, betroffen sind vor allem Frauen. Diese Tatsache legt nahe, dass die Ursachen nicht nur auf individueller, sondern auch auf struktureller Ebene zu suchen sind. Auf struktureller Ebene wird Gewalt zum Beispiel durch private und öffentliche Institutionen sowie im Rahmen politischer Maßnahmen ausgeübt, die Frauen diskriminieren. Die Ungleichbehandlung von Frauen fußt dabei auf überholten Stereotypen und Rollenzuschreibungen für Männer und Frauen. Das Geschlecht eines Menschen wird sozial konstruiert und ist keineswegs nur „natürlich“ oder „biologisch“ festgelegt. Das heißt, auch Männlichkeit ist ein soziales Konstrukt, das im Rahmen patriarchaler Rollenerwartungen oft mit Aggression verbunden wird. Diese sozialen Zuschreibungen begünstigen im Zusammenspiel mit strukturellen Ungleichbehandlungen Gewalt gegen Frauen. Um Gewalt gegen Frauen auf allen gesellschaftlichen Ebenen zu begegnen und vorzubeugen, hat medica mondiale den Mehrebenenansatz entwickelt.

Definition: Strukturelle Ursachen von Gewalt gegen Frauen

Geschlechtsspezifische Gewalt gegen Frauen findet nicht nur auf einer individuellen Ebene statt, sondern ist in den kulturellen und institutionellen Strukturen von Gesellschaften verankert. Das Zusammenwirken diskriminierender Handlungen auf allen drei Ebenen wird als strukturelle Gewalt bezeichnet. Strukturelle Gewalt kommt beispielsweise in diskriminierenden Regeln, Gesetzen, Gebräuchen und Traditionen, aber auch durch frauenfeindliche Sprache zum Ausdruck. Menschen werden in ihrer Art zu denken, ihren Ansichten sowie ihrem Handeln bewusst sowie unbewusst von diesen Strukturen beeinflusst. Umgekehrt festigen Menschen, die innerhalb dieser Strukturen sozialisiert sind, ihrerseits die Strukturen. Ein Kreislauf, in dem Sexismus und daraus resultierend auch Gewalt gegen Frauen fortbestehen und sich manifestieren. Frauen können von mehreren Diskriminierungsformen gleichzeitig betroffen sein, beispielsweise von Sexismus und Rassismus oder Ableismus. Da diese sich gegenseitig verstärken, steigt für Frauen die Gefahr, Gewalt zu erfahren.

Beispiele für strukturelle Ursachen von Gewalt gegen Frauen

Zu den strukturellen Ursachen von Gewalt gegen Frauen zählen gesellschaftlich zugewiesene und in patriarchalen Traditionen verwurzelte Geschlechterrollen, -klischees und daraus resultierende Machtverhältnisse. Während Dominanz, Macht und Stärke als männlich gelten, werden Frauen Attribute wie Unterlegenheit, Passivität oder Duldsamkeit zugeschrieben. Aufgrund dieser Zuschreibungen werden Frauen bis heute von wichtigen politischen Entscheidungsprozessen und Ämtern ausgeschlossen. Diese mangelnde Repräsentanz in relevanten gesellschaftlichen Bereichen führt dazu, dass die Bedarfe von Frauen keine Beachtung finden und Gewalt sich verstetigt. Dies spiegelt sich auch auf rechtlicher Ebene wider: Laut der Vereinten Nationen hat beispielsweise nur rund ein Viertel aller Länder Gesetze bezüglich Vergewaltigung in der Ehe. In Deutschland ist Vergewaltigung in der Ehe erst seit 1997 strafbar. Ein weiteres Beispiel für strukturelle Gewalt ist Sexismus am Arbeitsplatz. Dieser umfasst unter anderem frauenfeindliche Äußerungen, weit weniger Gehalt für dieselbe Arbeit sowie einen wesentlich geringeren Frauenanteil in leitenden Positionen.

Ein Mädchen auf einem Baumwollfeld hält eine Blüte in die Kamera und lächelt.
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Selbstfürsorge: achtsame Gestaltung des Alltags
Was ist Selbstfürsorge? Und warum ist sie für eine achtsame und nachhaltige Gestaltung des (Arbeits-)Alltags sinnvoll?

Zahlen & Fakten zu Gewalt an Frauen

Partnerschaftsgewalt – Kriminalstatistische Auswertung.
Kri­mi­nal­sta­tis­ti­sche Aus­wer­tung - Be­richts­jahr 2020:

  • 148.031 Menschen, zu knapp 81 Prozent Frauen, waren laut Bundeskriminalamt im Jahr 2020 in Deutschland von Delikten versuchter und vollendeter Partnerschaftsgewalt betroffen. Die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen.
  • Bei 3.389 Delikten im Bereich sexualisierter Gewalt in der Partnerschaft war der Anteil betroffener Frauen mit 98 Prozent besonders hoch.
  • 79,1 Prozent der 122.537 Tatverdächtigen bei vollendeten und versuchten Delikten der Partnerschaftsgewalt waren männlich. Bei 38,9 Prozent der registrierten Tatverdächtigen handelte es sich um ehemalige Partner:innen, bei 34,3 Prozent um Ehepartner:innen der Betroffenen und bei 30,4 Prozent um Partner:innen einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft. 65,3 Prozent der Tatverdächtigen waren deutsche Staatsangehörige.

Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS).

Lebenssituation und Belastungen von Frauen mit Beeinträchtigungen und Behinderungen in Deutschland. Kurzfassung. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2014)

  • Frauen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen sind zwei- bis dreimal häufiger von sexualisierter Gewalt betroffen als Frauen im Bevölkerungsdurchschnitt. Laut Studie waren 20 bis 34 Prozent von ihnen bereits in Kindheit und Jugend betroffen. 21 bis 43 Prozent erlebten als Erwachsene sexualisierte Gewalt.

„...nicht so greifbar und doch real“ Eine quantitative und qualitative Studie zu Gewalt- und (Mehrfach-) Diskriminierungserfahrungen von lesbischen, bisexuellen Frauen und Trans* in Deutschland (2012)

  • Mehr als die Hälfte der von Mehrfachdiskriminierung betroffenen Studienteilnehmer:innen gab an, bereits durch Familie oder Verwandte diskriminiert worden zu sein.
  • Trans*Personen, insbesondere Trans*Frauen, sind überdurchschnittlich häufig von Gewalt betroffen. Ein Drittel der befragten Trans-Personen gab an, bereits sexualisierte Gewalt erlebt zu haben.

Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland. Eine repräsentative Untersuchung zu Gewalt gegen Frauen in Deutschland. Hauptstudie des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2004)

  • 42 Prozent der befragten Frauen gaben an, bereits psychische Gewalt erlebt zu haben.
  • 13 Prozent aller Frauen in Deutschland erlebte seit ihrem 16. Lebensjahr mindestens einmal sexualisierte Gewalt.
  • 25 Prozent aller Frauen in Deutschland haben sexualisierte und/oder körperliche Gewalt innerhalb einer Beziehung erlebt.
  • Sexualisierte Gewalt wird zu 99 Prozent von Männern begangen.
  • Außerdem zeigte die Studie, dass für Frauen, die bereits einmal von sexualisierter Gewalt betroffen waren, die Wahrscheinlichkeit steigt, diese erneut zu erleben.

Women as victims of partner violence – Justice for victims of violent crime, Part IV. FRA – European Union Agency for Fundamental Rights (2019)

  • Laut Fallstudie blieben Frauen, die sich aufgrund von Partnerschaftsgewalt an die Polizei wendeten, in zwei von drei Fällen ohne jeglichen Schutz vor erneuter Gewalt.

Gewalt gegen Frauen: eine EU-weite Erhebung. Ergebnisse auf einen Blick. FRA – European Union Agency for Fundamental Rights (2014)

  • Eine von 20 Frauen wurde seit ihrem 15. Lebensjahr vergewaltigt.
  • Jede zweite Frau in der EU hat seit ihrem 15. Lebensjahr mindestens einmal sexuelle Belästigung erlebt.
  • Ein Viertel der Überlebenden sexualisierter Gewalt in einer Partnerschaft nannten Scham oder Verlegenheit als Grund dafür, die Gewalt weder der Polizei noch einer anderen Einrichtung oder Person mitzuteilen.
  • EU-weit erlebten schätzungsweise 3,7 Millionen Frauen zwischen 18 und 74 Jahren in den 12 Monaten vor der Befragung sexualisierte Gewalt.

Domestic Violence Against Women. Special Eurobarometer 344 (2010)

  • Jede vierte befragte Person in der EU kennt eine Frau im Freundes- oder Familienkreis, die von familiärer Gewalt betroffen ist.
  • 78 Prozent der Europäer:innen sehen familiäre Gewalt als verbreitetes Problem.

Unterschiedliche Systeme, ähnliche Resultate? Strafverfolgung von Vergewaltigung in elf europäischen Ländern. Länderbericht Deutschland. EU DAPHNE Projekt (2009)

  • Die Annahme, Falschanschuldigungen bei Vergewaltigungen seien verbreitet, ist ein Problem, das Skepsis gegenüber Gewalt an Frauen schürt. Das tatsächliche Vorkommen an Falschanschuldigungen ist marginal und liegt länderübereifend bei 1-9 Prozent.

Second European Union Minorities and Discrimination Survey – Migrant women. Selected Findings. FRA – European Union Agency for Fundamental Rights (2019)

  • Laut Studie gaben doppelt so viele Frauen wie Männer an, hassmotivierte Gewalt durch eine ihnen bekannte Person erlebt zu haben. Ebenso gaben doppelt so viele Frauen wie Männer an, Angst vor Vergeltung durch die gewaltausübende Person zu haben, wenn sie den Vorfall den Behörden melden.

Violence Against Women and the Girl Child. United Nations (2020)

  • Etwa ein Drittel aller Frauen weltweit hat physische und/oder sexualisierte Gewalt durch eine:n Partner:in erfahren.
  • Jeden Tag werden schätzungsweise 137 Frauen durch Mitglieder ihrer eigenen Familie getötet.
  • 27 Prozent aller Länder weltweit haben Gesetze bezüglich Vergewaltigung in der Ehe. Dies bedeutet jedoch nicht, dass diese Gesetze auch angewendet werden.
  • 80 Prozent aller Opfer von Tötungsdelikten durch Beziehungspartner:innen sind Frauen.
  • 13 Prozent aller Polizeibeamt:innen weltweit sind Frauen.

Violence against women – Intimate partner and sexual violence against women. WHO, HRP (2019)

  • Etwa 20 Prozent aller Frauen weltweit erlebten in ihrer Kindheit und Jugend sexualisierte Gewalt. Bei den Männern sind es 8 Prozent.
  • 35 Prozent aller Frauen weltweit erlebte in ihrem Leben physische und/oder sexualisierte Gewalt.

A Familiar Face: Violence in the lives of children and adolescents. UNICEF (2017)

  • Weltweit haben 15 Millionen Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren sexualisierte Gewalt erlebt.

Global and regional estimates of violence against women – Prevalence and health effects of intimate partner violence and non-partner sexual violence. WHO (2013)

  • 38 Prozent aller Morde an Frauen wurden durch eine:n Beziehungspartner:in verübt
  • 42 Prozent aller Frauen, die physische und/oder sexualisierte Gewalt durch eine:n Partner:in erfuhren, trugen Verletzungen aufgrund dieser Gewalt davon.

WHO Multi-country Study on Women's Health and Domestic Violence against Women – Initial results on prevalence, health outcomes and women's responses. WHO (2005)

  • 75 Prozent aller Frauen, die seit ihrem 15 Lebensjahr physische oder sexualisierte Gewalt erleben mussten, erfuhren diese durch eine:n Partner:in.
  • Die am häufigsten genannten Gründe der Befragten, sich keine Hilfe zu suchen, waren, dass sie die Gewalt als normal oder nicht allzu schwerwiegend erachteten oder dass sie Konsequenzen wie weitere Gewalt, den Verlust der Kinder oder die Schande der Familie fürchteten. Einige befürchteten, dass ihnen kein Glauben geschenkt oder ihnen nicht geholfen würde.

Disability and Violence against Women and Girls: Emerging Evidence from the What Works to Prevent Violence against Women and Girls Global Programme. UK Aid (2018)

  • Für Frauen mit Behinderung ist das Risiko, Gewalt in der Beziehung zu erleben, um zwei bis viermal höher als für Frauen ohne Behinderung.

Facts and figures: Ending violence against women. UN Women (2020)

  • Weniger als 40 Prozent der Frauen weltweit, die Gewalt erleben, suchen sich Hilfe. Weniger als 10 Prozent von ihnen wenden sich an die Polizei.

Welche Folgen hat die Gewalt für die betroffenen Frauen?

Gewalt kann für betroffene Frauen Folgen physischer, psychischer und sozialer Natur bis hin zum Tod haben. Dies gilt auch für sexualisierte Gewalt. Zu diesen Folgen zählen körperliche Verletzungen, Unfruchtbarkeit oder Geschlechtskrankheiten, aber auch Trauma, Depressionen, Angstzustände und Panikattacken. Beschwerden psychosomatischen Ursprungs entstehen unter anderem durch die Verdrängung der Gewalt, zu der sich viele Frauen gezwungen sehen. Zudem wird Frauen häufig eine Mitschuld an der Gewalt gegeben, ihnen wird nicht geglaubt oder sie werden von ihrem Umfeld stigmatisiert.

Welche Folgen hat die Gewalt für die Familien der Betroffenen?

Gewalt gegen Frauen richtet sich immer auch gegen ihre Kinder, selbst wenn diese nicht direkt angegriffen werden. Das bloße Miterleben der Gewalt kann beispielsweise zu Schlafstörungen, Entwicklungsverzögerungen, Aggressivität oder Ängstlichkeit führen. Besonders schwerwiegend ist, dass Gewaltverhalten, sowie durch Gewalt ausgelöste Traumata über Generationen hinweg vererbt werden können. Kinder, die Gewalt und deren Folgen miterleben, erlernen und akzeptieren Gewalt als Konfliktlösungsmuster. Frauen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben, können die traumatische Erfahrung als transgenerationales Trauma in Form von Ängsten, Schutz­ oder Stressreaktionen unbewusst an Kinder und Enkelkinder weitergeben. Dies kann die emotionale familiäre Bindung beeinträchtigen.

Eine Frau mit einem grünem Schal steht auf einer Dachterrasse mit Kölner Dom im Hintergrund. Es ist Sybille Fezer, Geschäftsführender Vorstand Internationale Programme bei medica mondiale.

„Nur wenn sich hier in den Köpfen etwas ändert, wächst auch die Solidarität in Politik und Gesellschaft mit Frauen und Mädchen in Konfliktgebieten.“

Sybille Fezer, Vorstand Programme bei medica mondiale

Welche Folgen hat die Gewalt gegen Frauen für die Gesellschaft?

Gewalt gegen Frauen hat weitreichende Folgen für die Gesellschaft. Transgenerationale Traumata, die von Überlebenden sexualisierter Gewalt an ihre Kinder weitergegeben werden können, beeinträchtigen die psychische Gesundheit ganzer Familien. Insbesondere kollektiv erlebte Gewalt, wie sexualisierte Kriegsgewalt, beeinträchtig das soziale Gefüge über Generationen hinweg. Patriarchale Strukturen, die auf Sexismus und weiteren Diskriminierungsformen gründen, erzeugen ein Klima der Gewalt, in dem Frauen sich im öffentlichen Raum nicht angstfrei bewegen und entfalten können. Einschränkungen von Frauen beim Zugang zu Bildung sowie der Berufswahl führen dazu, dass Gesellschaften nicht vom Potential der Hälfte ihrer Bevölkerung profitieren kann. Die Folge: viele Frauen können keinen oder nur einen geringen Beitrag zur Finanzierung der Familie leisten. Geringe Bildungschancen von Mädchen und Frauen wiederum stehen in direktem Zusammenhang mit Armut, Kinder- und Müttersterblichkeit und sogar der Klimakrise.

Welche Folgen hat Gewalt gegen Frauen für Staat & Wirtschaft?

Die Teilhabe von Frauen ist in vielen politischen und wirtschaftlichen Bereichen aufgrund ihrer Diskriminierung stark eingeschränkt, wodurch das Potential eines Großteils der Bevölkerung nicht ausgeschöpft wird. Studien zeigen, dass das Ausmaß der Teilhabe von Frauen direkten Einfluss auf die Stabilität eines Staates sowie seinen wirtschaftlichen Erfolg hat. Frauen, die Gewalt erlitten haben, fallen aufgrund physischer und psychischer Verletzungen häufiger bei der Arbeit aus, was die Produktivität von Unternehmen verringert und der Volkswirtschaft bedeutende Schäden zufügt. So trägt die Gesellschaft darüber hinaus die Kosten für Gewalt gegen Frauen, in Form von Kosten für Frauenhäuser, Gerichtsverfahren, Polizeieinsätze oder psychologische und medizinische Behandlungen. Außerdem: Wie die UN-Resolution 1325 anerkennt, ist sexualisierte Gewalt nicht nur ein ernsthaftes Hindernis für erfolgreiche Friedensprozesse, sondern gefährdet auch nachhaltigen Frieden und Stabilität. Friedensabkommen, die ohne Beteiligung von Frauen entstanden sind und deren Bedarfe nicht einbeziehen, können auf Dauer nicht erfolgreich sein.

Gewalt gegen Frauen: eine Staatsangelegenheit

Gewalt gegen Frauen ist keine Privatsache, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem, das verhindert werden kann und muss. Dennoch werden Fälle von geschlechtsspezifischer Gewalt, beispielsweise Femizide, in den Medien oder im Rahmen von Gerichtsurteilen, häufig banalisierend als „Familiendramen“ bezeichnet. Diese Form der Sprache ist Teil des strukturellen Problems. Sie verharmlost Gewalt gegen Frauen; Verantwortliche und Ursachen werden nicht klar benannt. Der Staat ist dazu verpflichtet, Gewalt gegen Frauen zu verhindern sowie Schutz und Unterstützung für die Betroffenen als auch die Strafverfolgung der Täter:innen zu gewährleisten. Nur mit einer staatlichen Gesamtstrategie, die auch die Ursachen von Gewalt gegen Frauen einbezieht, können Maßnahmen entwickelt werden, die wirksam sind.

Beispiele für staatliche Interventionsmöglichkeiten

Durch Fortbildungen kann beispielsweise Personal im Gesundheits- oder Justizsektor zu Gewalt gegen Frauen sensibilisiert werden. Insbesondere durch aufklärende Öffentlichkeitsarbeit, geschlechtergerechte Erziehung und Menschenrechtsbildung sowie eine Null-Toleranz-Politik gegenüber Gewalt kann dieser vorgebeugt und einer frauenfeindlichen Haltung entgegengewirkt werden.

Was kann die Gesellschaft tun gegen Gewalt an Frauen?

Jeder Mensch hat eine individuelle Wirkkraft und kann Vorbild für geschlechtergerechtes Verhalten sein. Das eigene Handel zu reflektieren sowie gesellschaftliche Normen zu hinterfragen, kann aufzeigen, wo von der Gesellschaft vorgelebtes, sexistisches Denken und Verhalten unbewusst übernommen werden. Solidarität mit Frauen stärkt das soziale Miteinander und nimmt Gewalt gegen Frauen den Raum. Klar Haltung gegen jede Form von Gewalt gegen Frauen und deren Diskriminierung zu beziehen, setzt ein deutliches Zeichen. Auch durch den Verzicht auf frauenfeindliche Produkte und Kritik an solchen Unterhaltungsformaten kann Stellung bezogen und die Reproduktion frauenfeindlicher Werte unterbunden werden. Personen im Bereich Bildung, Presse, Kultur, Werbung aber beispielsweise auch bei der Entwicklung von Computerspielen nehmen wichtige Vorbildfunktionen ein und können als Multiplikator:innen wirken, in dem sie für geschlechtergerechte Darstellungen eintreten. Gewaltausübende Personen sind für ihr Verhalten selbst verantwortlich und können sich gegen Gewalt entscheiden, sowie sich bei Bedarf an entsprechende Beratungsstellen wenden.

Hinsehen & Handeln: Beispiele unserer Arbeit

medica mondiale und ihre Partnerorganisationen machen öffentlich auf sexualisierte Gewalt aufmerksam und klären über die Ursachen und Folgen von Gewalt gegen Frauen auf. Die Öffentlichkeit sowie Politiker:innen werden zur Auseinandersetzung mit Gewalt gegen Frauen aufgefordert. Ziele sind unter anderem politische Maßnahmen gegen sexualisierte und geschlechtsspezifische Gewalt sowie die diskriminierungsfreie Unterstützung von Überlebenden.

1. Aufklärungsarbeit: Das Tabu sexualisierter Gewalt brechen

Im Rahmen unserer Aufklärungsarbeit werden gezielt verschiedenste Akteur:innen angesprochen, um das gesellschaftliche Tabu zu brechen und einen strukturellen Wandel zu bewirken. So veranstaltete unsere Partnerorganisation in Afghanistan 2018 eine Konferenz gegen erzwungene Jungfräulichkeitstest, um Entscheidungsträger:innen von der Abschaffung zu überzeugen. Unsere bosnische Partnerorganisation „Forgotten Children of War“ macht mit der Fotoausstellung „Break Free“ auf die Situation von Müttern und ihren in Folge von sexualisierter Kriegsgewalt geborenen Kindern aufmerksam. Unsere Partnerorganisation Medica Liberia klärt Dorfbewohner:innen mittels Radio über Frauenrechte auf. Zuhörer:innen können per Anruf oder SMS Fragen an eine Rechtsberaterin stellen. Männer werden gezielt angesprochen, um sich aktiv für Frauen und Mädchen einzusetzen.

2. Ganzheitliche Unterstützung für gewaltbetroffene Frauen und Mädchen

Unsere Partnerorganisationen unterstützen Überlebende sexualisierter Gewalt im Rahmen unseres stress- und traumasensiblen Ansatzes (STA) ® ganzheitlich und langfristig. Beispiele hierfür sind gesundheitliche und psychosoziale Beratung sowie Rechtshilfe oder Einkommen schaffende Maßnahmen. Unsere bosnische Partnerorganisation Budućnost bildet Frauen und Mädchen in landwirtschaftlicher Produktion weiter, damit sie selbstständig ihren Lebensunterhalt sichern können.

Eine Frau steht vor einer Häuserwand und lächelt in die Kamera. Es ist Dr. Bayan Kader Rasul, Mitbegründerin der nordirakischen Frauenrechtsorganisation EMMA.

„Ich habe mir oft anhören müssen, dass es mir doch gut gehe, dass ich doch gar nicht selbst unterdrückt sei. Da habe ich immer erwidert: „Meine Freiheit reicht aber nicht!“

Dr. Bayan Kader Rasul (EMMA, Irak)

„Wir sind nicht ‚diese armen Frauen‘. Wir sind stark, aktiv und mutig.“

Ehemalige Klientinnen von Medica Zenica, Bosnien

3. Advocacy-Arbeit: Struktureller Wandel für Frauen, gegen Gewalt

Durch politische Advocacy-Arbeit setzt sich medica mondiale gemeinsam mit ihren Partnerorganisationen gegenüber politischen Akteur:innen für die Belange von Überlebenden sexualisierter Gewalt ein. Wir sensibilisieren Politik und Regierungen weltweit zu Gewalt gegen Frauen und fordern diese auf, Frauenrechte einzuhalten und bestehende Gesetze zum Schutz von Frauen anzuwenden. Die Interessen und Bedürfnisse Überlebender sollen in politischen Entscheidungsprozessen Beachtung finden, gewalterhaltende Strukturen durchbrochen und Gewalt so langfristig vorgebeugt werden. Zudem setzen wir uns dafür ein, dass Überlebende sexualisierter (Kriegs-)Gewalt angemessene Unterstützung oder Entschädigung erhalten.

Beispiele aus Deutschland, Südosteuopa und Afghanistan

In Deutschland macht sich medica mondiale im Rahmen der Istanbul-Konvention gegen Gewalt an Frauen sowie für die Agenda „Frauen, Frieden, Sicherheit“ stark. Wir fordern die Bundesregierung auf, die Resolution 1325 konsequent umzusetzen, damit Frauen und Mädchen in Konflikten geschützt sind und an Friedensprozessen mitwirken können. Unsere afghanische Partnerorganisation setzte sich dafür ein, dass das Gesetz gegen Gewalt an Frauen (EVAW Law) angewendet, das Familienrecht reformiert und Kinder- sowie Zwangsehen verhindert wurden. Im Kosovo konnte Medica Gjakova dazu beitragen, dass Frauen und Mädchen, die während des Kosovokrieges vergewaltigt wurden, eine monatliche Rente erhalten.