Vergewaltigungen im Zweiten Weltkrieg

2020 jährte sich das Kriegsende in Europa und Asien zum 75. Mal. Zu den schweren Menschenrechtsverletzungen dieses Krieges zählten auch Vergewaltigungen von Millionen von Frauen und Mädchen. Die Erlebnisse und Geschichten der Frauen und Mädchen, die im Zweiten Weltkrieg vergewaltigt wurden, sind kaum bekannt. Ihr Leid wurde in den Nachkriegsgesellschaften bis heute meist ignoriert und verdrängt – auch in Deutschland. Die Betroffenen hatten kaum Möglichkeiten, über das Erlebte zu sprechen und erhielten keine angemessene Unterstützung. Weder psychosoziale Begleitung noch irgendeine Form der finanziellen Entschädigung und gesellschaftlichen Anerkennung wurden gewährleistet.
„Die schritten unsere Horde ab und guckten und suchten aus: die und die und die. In einem Raum mussten wir uns alle ausziehen, nackend.“
Gewalt gegen Frauen im Zweiten Weltkrieg und in der Nachkriegszeit

Millionen Frauen und Mädchen wurden im Zweiten Weltkrieg Opfer sexualisierter Gewalt. Die physischen, psychischen und sozialen Folgen für die Betroffenen reichen bis in die Gegenwart.
Sexualisierte Kriegsgewalt wurde von allen Armeen zum grausamen Instrument des Krieges. Zahlreiche Frauen und Mädchen starben an den Folgen der Vergewaltigungen oder wurden anschließend getötet. Viele begingen unmittelbar nach der erlittenen Gewalttat oder in den darauffolgenden Wochen und Monaten Suizid.
Kinder, die aus Kriegsvergewaltigungen hervorgegangen sind
Überlebende, die aufgrund von Vergewaltigung ein Kind geboren haben, litten unter extremer ökonomischer Not und wurden sozial massiv ausgegrenzt. Das geschehene konnten Sie mit niemandem teilen, sie erhielten keine fachliche Unterstützung. Auch die Kinder leiden unter dem Trauma ihrer Mütter, das oft transgenerational weitergegeben wird.

Zu den meist männlichen Tätern gehörten SA- und SS-Männer, einfache Wehrmachts-Soldaten und Polizisten sowie ihre Kollaborateure in den besetzten Ländern. Frauen wurden in Konzentrationslagern und den besetzen Gebieten – zum Beispiel in der Sowjetunion, Polen, Frankreich und den Niederlanden – durch deutsche Soldaten vergewaltigt, zwangsprostituiert oder erlitten andere sexualisierte Übergriffe. Auch die japanische Armee verschleppte und versklavte Frauen aus Japans damaliger Kolonie Korea sowie aus anderen besetzten Ländern wie China, Taiwan oder den Philippinen.
Vergewaltigungen: Kein Ende in der Nachkriegszeit
Ebenso sind Übergriffe durch sowjetische, US-amerikanische, französische und britische Soldaten dokumentiert. Von alliierten Soldaten wurden Frauen während ihrer Flucht und Vertreibung, während der Kampfhandlungen und unter der Besatzung in den Nachkriegsjahren in Europa und Asien vergewaltigt.

In den Nachkriegsgesellschaften fanden die Opfer nirgendwo einen Platz im kollektiven Gedächtnis. Es gab keine angemessene öffentliche Aufarbeitung. Denn seit jeher wird sexualisierte Gewalt als eine Art „Kollateralschaden“ des Krieges betrachtet und gesellschaftlich tabuisiert. Häufig wurden die Opfer zusätzlich stigmatisiert, während die Mehrheit der meist männlichen Täter nie bestraft wurde.
Fehlende Anerkennung und Aufarbeitung
Auch in Deutschland verschwiegen viele Betroffene die Gewalttaten aus Scham, Angst und in Folge des Traumas. Sie bekamen keine Unterstützung; die Verbrechen im Zweiten Weltkrieg wurden weder sozial noch juristisch anerkannt. Vielen blieb allein das Verdrängen. Zudem gab es ein gesellschaftliches Schweigegebot für beide Geschlechter. Die Männer haben ihre Frauen nicht gefragt: ‚Was ist dir denn im Krieg passiert?‘, damit die Frauen nicht fragen: ‚Und was hast du dort getan?‘. Die Frauen wussten, dass ihre Ehemänner und Brüder im Osten das getan haben, was sie selbst erlebt haben. Zerstörung und Trauma entfalteten ihre Wirkung im Stillen. Und auch wenn sich viele Betroffene trotz der schmerzhaften Erfahrungen ein stabiles Leben aufgebaut haben, können Traumata im Alter unvermittelt wieder aufbrechen.
Auch in Deutschland verschwiegen viele Betroffene die Gewalttaten aus Scham, Angst und in Folge des Traumas. Sie bekamen keine Unterstützung; die Verbrechen im Zweiten Weltkrieg wurden weder sozial noch juristisch anerkannt. Vielen blieb allein das Verdrängen. Zudem gab es ein gesellschaftliches Schweigegebot für beide Geschlechter. Die Männer haben ihre Frauen nicht gefragt: ‚Was ist dir denn im Krieg passiert?‘, damit die Frauen nicht fragen: ‚Und was hast du dort getan?‘. Die Frauen wussten, dass ihre Ehemänner und Brüder im Osten das getan haben, was sie selbst erlebt haben.
Zerstörung und Trauma entfalteten ihre Wirkung im Stillen. Und auch wenn sich viele Betroffene trotz der schmerzhaften Erfahrungen ein stabiles Leben aufgebaut haben, können Traumata im Alter unvermittelt wieder aufbrechen.

Dass sexualisierte Gewalt aufgearbeitet wird, ist für die Betroffenen, aber auch für die nachfolgenden Generationen essenziell. Denn Traumata der Vergangenheit können über Generationen hinweg weiterwirken. Nachfahren können an Traumafolge-Symptomen leiden wie Schuldgefühlen, Depressionen, diffuse Ängste, Hilflosigkeit, Scham oder tiefe Verunsicherung. Das gilt für Kinder und Enkel:innen, in deren Familien Vergewaltigung verschwiegen und tabuisiert wurde. Es gilt für Kinder, die sexualisierte Gewalt mit ansehen mussten. Und es gilt für Kinder, die durch eine Vergewaltigung gezeugt wurden.
Folgen sexualisierter Kriegsgewalt über Generationen
Ohne Unterstützung kann das Erlebte nicht verarbeitet werden. Die erlebte Gewalt und die einhergehende Tabuisierung haben nicht nur Folgen für die direkt Betroffenen. Ihre Traumata werden als transgenerationales Trauma an die folgenden Generationen weitergegeben. Sie prägen unsere Gesellschaft bis in die Gegenwart.
„Auch wir hierzulande brauchen Heilungsarbeit. Heilungsarbeit braucht Erinnerung.“
Sexualisierte (Kriegs-)Gewalt verhindern und ihre Folgen beenden
Obwohl es inzwischen auf internationaler Ebene eine Reihe Initiativen gibt, um sexualisierte Kriegsgewalt zu verhindern und zu ahnden, fehlt es weiterhin an einem breiten politischen Bewusstsein für die Notwendigkeit von Präventionsarbeit, die Bedeutung von kurz- und langfristiger Hilfe für Betroffene sowie einer umfangreichen Strafverfolgung dieser Verbrechen.
Um zu verhindern, dass sich Traumata transgenerational und gesamtgesellschaftlich fortschreiben, braucht es einen pro-aktiven Umgang mit der Vergangenheit und sexualisierter Gewalt im Zweiten Weltkrieg – in Europa und in Asien.
Die Kultur des Schweigens überwinden
Um die Kultur des Schweigens zu überwinden, brauchen wir Stellungnahmen, auch von Personen des öffentlichen Lebens, zum Beispiel von Politiker:innen. Ihr Sprechen sendet wichtige Botschaften, wenn beispielsweise anerkannt wird, dass es sich bei Vergewaltigungen um ein erlittenes Unrecht handelt, dass gesellschaftlich nicht toleriert werden darf. Auf gesellschaftlicher Ebene muss das Tabu im Sinne der betroffenen Frauen behutsam aufgebrochen werden. Dabei ist eine differenzierte Wahrnehmung wichtig, die Frauen nicht nur in der Opferrolle zeigt, sondern auch ihre Überlebensstärke würdigt.
„Man hat dann den Schmuck runtergetan, ein altes Kopftuch und eine geflickte Schürze angezogen, und so ist man halt rumgelaufen, wenn’s ging, nie allein.“
Leid anerkennen, gesellschaftliches Trauma wahrnehmen
Das öffentliche Bewusstsein und die öffentliche Anerkennung, dass es sich bei Kriegsvergewaltigungen und anderen Formen von sexualisierter Gewalt nicht nur um ein individuelles Trauma der Betroffenen, sondern auch um ein gesellschaftliches Trauma handelt, kann entscheidend zur Enttabuisierung der Gewalt beitragen. Und es ermöglicht auch, den Blick auf die transgenerationalen Folgen von Kriegsvergewaltigungen zu richten.
Niemals nur Geschichte: Erlebtes sichtbar machen, Frauen würdigen

Mit der Kampagne „Niemals nur Geschichte – Gemeinsam gegen sexualisierte Kriegsgewalt“ erinnert medica mondiale an das Unrecht und macht auf das Schicksal der zahlreichen Frauen und Mädchen aufmerksam, würdigt aber auch ihre Kraft bei der Bewältigung des Erlittenen.
Frauen im Zweiten Weltkrieg: Das Leiden der „Trostfrauen“

Der „Internationale Tag der Trostfrauen“ am 14. August erinnert an das Leiden der sogenannten Trostfrauen, ihre Kraft, aber auch an die Menschenrechtsverletzungen, die niemals von offizieller Stelle verurteilt wurden. Sara Fremberg, Bereichsleiterin Kommunikation und Politik bei medica mondiale, nahm 2020 in Berlin mit einem Redebeitrag an der Gedenkaktion teil.
„Hunderttausende Frauen überlebten das Trauma, aber konnten oder durften nicht über das Erlebte sprechen. Ihre Geschichten und ihr Leid werden in den Nachkriegsgesellschaften bis heute überwiegend ignoriert und verdrängt“

Bis zu 200.000 Frauen und Mädchen aus Japans damaliger Kolonie Korea, aber auch aus allen anderen japanisch besetzten Ländern wie China, Taiwan oder den Philippinen, waren im Zweiten Weltkrieg von sexualisierter Kriegsgewalt betroffen – ebenso wie Millionen von Frauen in Russland und Polen, in Frankreich und Deutschland. Verantwortlich waren alle am Krieg beteiligten Armeen.
Stimmen zum Gedenktag:
Kinder des Krieges – Children Born of War

In und nach jedem Krieg werden Kinder geboren, die von Besatzungssoldaten mit einheimischen Frauen gezeugt wurden – die „Children Born of War". Der englische Begriff hat sich international in der Wissenschaft durchgesetzt und meint Kinder, die infolge sexualisierter Kriegsgewalt gezeugt wurden. Und er meint ebenso Kinder, deren Väter den Friedenstruppen oder der humanitären Hilfe angehören, auch wenn es eine freiwillige Beziehung war.
„Tag für Tag sehe ich in die Augen meiner Tochter – und sehe die Augen meines Vergewaltigers.“
„Manche Frauen sind mit ihren Kindern abgetaucht, damit sie ihnen nicht von den Behörden weggenommen werden.“
Kriegskinder: verleugnet und ausgegrenzt
Manche Frauen entscheiden sich zu einem Abbruch, andere bringen ihre Kinder zur Welt und ziehen sie selbst groß oder geben sie zur Adoption frei. Wie viele „Children born of war" in Folge von Vergewaltigungen geboren werden, ist meist ebenso vage zu beziffern, wie die tatsächlich stattfindenden Vergewaltigungen. Um sich selbst und ihre Kinder zu schützen, verschweigen viele Mütter die Wahrheit. Denn auch ihre Kinder werden meist, wie sie selbst, stigmatisiert, diskriminiert und als „Kinder des Feindes" ausgegrenzt.
Kinder des Krieges in Deutschland

In Deutschland fanden die sogenannten Besatzungskinder nach 1945 lange Zeit keine Aufmerksamkeit: Erst seit den 2000er Jahren ändert sich das langsam. Nach Schätzungen wurden zwischen 1945 und 1955 etwa 400.000 Kinder geboren, deren Väter Besatzungssoldaten waren; dazu zählen auch jene Kinder, die nicht gewaltsam gezeugt wurden.
Neben den „Besatzungskindern" hat sich im Kontext des Zweiten Weltkrieges auch der Begriff der „Wehrmachtskinder“ etabliert. Dieser bezeichnet Kinder, die von deutschen Soldaten in den vom NS-Regime okkupierten Ländern gezeugt wurden. Auch die Zahl dieser Kinder bleibt ungewiss: Für Norwegen gibt es beispielsweise Schätzungen von 10.000 bis 12.000. Allein 8.000 wurden durch den von der SS getragenen Verein Lebensborn registriert. Zu den sogenannten Wehrmachtskindern in den besetzten Gebieten der Sowjetunion wiederum gibt es kaum Dokumente.
Unser Buchtipp: Miriam Gebhardt „Wir Kinder der Gewalt“

„Seit Miriam Gebhardt ihr Buch ,Als die Soldaten kamen‘ (2015) veröffentlichte, ist sie für viele Überlebende der Kriegsgewalt des Zweiten Weltkriegs zur Ansprechpartnerin geworden. Menschen kamen von sich aus mit ihren biographischen Erlebnissen, niedergeschrieben in Mails und Briefen, auf sie zu. Stand in ihrem ersten Buch das Ziel im Fokus, das Ausmaß sexualisierter Kriegsgewalt sowie die diversen Tätergruppen zu benennen und ihre Taten zu belegen, so sind es in ,Wir Kinder der Gewalt‘ die Kinder des Krieges, die selbst zu Wort kommen.“
medica mondiale, Mai 2020
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(inklusive Inhaltsangabe, Leseprobe und weiterer Rezensionen)
Achtsam formulierte Schilderungen
Lesend tauchen wir ein in die Erlebnisse von Kindern, die sexualisierte Gewalt mit ansehen mussten, sie und ihre Folgen selbst erlebten oder aus einer Vergewaltigung hervorgingen. Dabei sind die Schilderungen achtsam formuliert und dosiert. Dies trägt dazu bei, einen voyeuristischen Blick auf die Geschehnisse oder eine retraumatisierende Wirkung bei den Lesenden zu vermeiden, obgleich die geschilderte Gewalt, die gesellschaftliche Ausgrenzung der Opfer und die fehlende Anerkennung des erlebten Leids mindestens sprachlos machen: „(…) erwiesen sich die Behörden und die nähere Umgebung oft als moralische Scharfrichter über die Betroffenen. Die Taten wurden angezweifelt, Gewaltopfer für ihr Schicksal selbst verantwortlich gemacht, Anträge auf Schwangerschaftsabbrüche abgewiesen, finanzielle Hilfe für die Kinder aus Vergewaltigungen verweigert.“ (S. 218).
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Einordnung in gesellschaftliche Umstände der Nachkriegszeit
Darüber hinaus legt die Historikerin großen Wert darauf, die Einzelfälle in die gesellschaftlichen Umstände und Gegebenheiten der Nachkriegszeit einzuordnen. Aus dem Vorwort: „So wechseln sich in diesem Buch ausführliche Falldarstellungen mit allgemeineren Quellen ab, die bei der historischen Einordnung des Einzelfalls in das Große und Ganze helfen sollen.“ Insbesondere die wertvollen, mutigen Zeitzeugnisse und ihre Einordnung in gesellschaftliche Zusammenhänge machen dieses Buch lesenswert, auch wenn ein tiefgehender kritischer Blick beispielsweise auf patriarchale Strukturen als Nährboden sexualisierter Gewalt unterbleibt. (...)
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Kinder des Krieges in Bosnien-Herzegowina
Schätzungsweise 20.000 bis 50.000 Frauen und Mädchen werden Opfer sexualisierter Gewalt im Bosnien-Krieg von 1992 bis 1995. Infolge der massenhaften Vergewaltigungen durch Soldaten und Paramilitärs kommt es zu unfreiwilligen Schwangerschaften.
Schätzungen zufolge sind 400 bis 600 Kinder im Bosnien-Krieg infolge sexualisierter Gewalt gezeugt und geboren worden. Diese Kinder des Krieges sind bis heute weitgehendst ein Tabu in Bosnien-Herzegowina, sie werden teils ausgegrenzt und stigmatisiert. Das könnte sich ändern, denn einige der Kinder melden sich in den letzten Jahren zu Wort und vernetzen sich.
Frauen im Zweiten Weltkrieg: Buch- und Filmtipps
- Buchtipp: Miriam Gebhardt „Als die Soldaten kamen“
- Buchtipp: Miriam Gebhardt „Wir Kinder der Gewalt“
- Buchtipp: Gisela Heidenreich (Hg.) „Born of War – Vom Krieg geboren“
- Buchtipp: Svenja Eichhorn & Philipp Kuwert „Das Geheimnis unserer Großmütter“
- Filmtipp: „Anonyma – Eine Frau in Berlin“
- Filmtipp: „BeFreier und Befreite“