Wir unterstützen Frauen und Mädchen in Kriegs- und Krisengebieten.
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Wo wir Frauen stärken: Afghanistan

Die Situation für Frauen und Mädchen in Afghanistan hat sich im August 2021 mit der Machtübernahme der Taliban grundlegend verändert.

Eine Frau mit rotem Schleier läuft an einer Betonmauer mit Stacheldraht entlang in Kabul Afghanistan.

In Afghanistan leiden die Menschen seit Jahrzehnten unter Krieg, Terror und Armut. Fast 80 Prozent der Erwachsenen sind physisch oder psychisch beeinträchtigt. In den letzten 20 Jahren nahm die Internationale Gemeinschaft starken Einfluss auf die Politik des Landes. Mit gravierenden Fehlern: Sie setzte auf den Militäreinsatz, statt auf einen Friedensprozess. Kriminalität und Korruption der von ihr unterstützten Machthaber höhlten die fragilen demokratischen Strukturen aus. Mit dem bedingungslosen, überhasteten militärischen Abzug ließen die NATO-Staaten die Menschen in Afghanistan im Stich. Im August 2021 übernahmen die Taliban erneut die Macht. Durch ihre Terrorherrschaft und die massive humanitäre Krise sind Hunderttausende auf der Flucht. medica mondiale unterstützt die Mitarbeitenden ihrer Partnerorganisation dabei, sich in Sicherheit zu bringen und aus Afghanistan zu fliehen.

Frauenrechte nach 2021: ein herber Rückschlag

Nach 2001 erkämpften Aktivist:innen große Fortschritte in der Gesetzgebung. Allerdings wurden die staatlich verbrieften Rechte für die meisten Frauen auch vor 2021 keine Realität. Patriarchale Strukturen, religiöser Fundamentalismus, Korruption und Unsicherheit verhinderten dies. Unter dem islamistischen Regime der Taliban ist die Rechtlosigkeit von Frauen nun wieder staatliche Politik: Frauen werden aus dem öffentlichen Leben verbannt. Alternative Lebensentwürfe von Frauen, die ein von der Familie unabhängiges Leben führen oder ihre Homosexualität leben möchten, sind nun nicht mehr nur erschwert, sondern gänzlich unmöglich geworden. Frauenrechtsaktivist:innen sind massiv bedroht.

Acht Fakten über Frauenrechte in Afghanistan

1. Rechte von Frauen und Mädchen werden ausgehöhlt

Obwohl Frauen und Männer nach der Verfassung gleichgestellt waren, konnten die Frauen auch vor 2021 ihre Rechte oftmals nicht wahrnehmen. Doch die Taliban höhlen diese Rechte zunehmend aus: Ihre Bewegungsfreiheit wurde bedeutend eingeschränkt. Frauen dürfen öffentliche Verkehrsmittel nur noch mit einem männlichen Verwandten (mahram) benutzen. Generell sollen sie das Haus nicht alleine und nur vollständig verschleiert verlassen. Die neuen Machthaber äußern sich zwar widersprüchlich zu ihrer Haltung gegenüber Frauen, denn sie wollen internationale Anerkennung. Ihre Taten sind jedoch eindeutig: Ab jetzt werden Frauen auch von staatlicher Seite daran gehindert, ihre Rechte wahrzunehmen.

2. Anstieg von Gewalt gegen Frauen und Mädchen und kaum Unterstützung

Wir wissen: in Krisenzeiten steigt die Gewalt gegen Frauen und Mädchen an. Trotz fehlender aktueller Zahlen müssen wir auch in Afghanistan davon ausgehen. Doch von Gewalt betroffenen Frauen bleiben kaum noch Anlaufstellen. In den letzten 20 Jahren bauten Frauenrechtler:innen ein landesweites Unterstützungssystem auf. Dieses ist innerhalb weniger Tage fast vollständig zusammengebrochen. Entsprechende staatliche Strukturen existieren nicht mehr. Organisationen und ihre Mitarbeitenden, die Schutz und Beratung angeboten haben, werden bedroht. Viele Angebote mussten eingestellt werden. Von den vormals 27 Frauenhäusern sind heute nur noch wenige in der Lage, bedrohte Frauen aufzunehmen.

3. Kinder- und Zwangsheirat: Armutsbekämpfung und Kriegsbeute

In den vergangenen Jahren wurde eines von drei Mädchen zwangsverheiratet, bevor es 18 Jahre alt war. Diese hohe Zahl steigt seit 2021 weiter an: Die humanitäre Krise im Land trifft kinderreiche Familien besonders hart. Um nicht zu verhungern, greifen noch mehr Eltern auf patriarchale Traditionen zurück und verheiraten ihre oft noch sehr jungen Töchter gegen einen Brautpreis.

Vor einer anderen Form der Zwangsheirat sind unverheiratete junge Frauen bedroht. Von Frauen geführte Haushalte und Familien, die politisch verfolgt werden, müssen fürchten, dass Taliban-Kämpfer sie dazu zwingen, ihnen ihre unverheirateten Töchter als Ehefrauen zu geben.

4. Mädchen wird das Recht auf Bildung abgesprochen

Vor 2021 gingen immerhin knapp 60 Prozent der 10-jährigen Mädchen zur Schule. Von den 15-Jährigen Mädchen besuchten zwar nur noch 30 Prozent weiterführende Klassen. Und 80 Prozent der Mädchen mit einer körperlichen Beeinträchtigung hatten keinen Zugang zu Bildung. Es gab jedoch keine staatlichen Barrieren, die Mädchen von der Schulbildung ausschlossen. Eine der ersten politischen Handlungen der Taliban war es, den Mädchen in vielen Provinzen den Besuch von weiterführenden Schulen zu verwehren. Auch zu Universitäten haben sie nur noch Zugang, wenn diese einen geschlechtergetrennten Unterricht anbieten. Zusätzlich verhindern das Klima der Angst und geschlechtsspezifischen Gewalt den Frauen und Mädchen den Zugang zu Bildung.

5. Frauen haben nur wenige Möglichkeiten zu arbeiten

Besonders in den Städten haben sich viele Frauen in den letzten Jahren das Recht erkämpft, einer Arbeit ihrer Wahl nachzugehen. Seit der Machtübernahme der Taliban ist ein Großteil der vormals berufstätigen Frauen zuhause: Manche dürfen nur noch mit einem männlichen Verwandten (mahram) am Arbeitsplatz erscheinen, anderen wurde direkt gekündigt. Die meisten Journalistinnen gehen aus Angst vor Repressionen nicht mehr zur Arbeit bei Radio- oder Fernsehsendern. Auch Mitarbeiterinnen in der dringend benötigten humanitären Hilfe werden stark eingeschränkt. Nur wenige Frauen im Bildungs- und Gesundheitssektor können ihre Tätigkeit weiterhin ausführen. Viele gut gebildete Frauen mussten fliehen.

6. Zivilgesellschaftliche Frauenrechtsarbeit massiv unter Druck

Die politischen Umwälzungen im August 2021 markieren das Ende der Meinungsfreiheit im Land. Besonders für Aktivistinnen ist die Gefahr der Repression durch das Terrorregime groß. Wegen dieser Unsicherheit und aufgrund finanzieller Engpässe haben etwa 65 Prozent der Frauenrechtsorganisationen zumindest vorübergehend ihre Tätigkeit eingestellt. Trotz konkreter Bedrohungen organisieren mutige Aktivistinnen immer wieder Protestaktionen gegen die frauenfeindliche Politik der Taliban. Die neuen Machthaber gehen massiv gegen diese Demonstrationen und ihre Organisatorinnen vor, es gibt Berichte über Verhaftungen, Folter und Morde.

7. Politische Beteiligung von Frauen nicht vorgesehen

Die Beteiligung von Frauen in Politik und Justiz hatte nach 2001 stark zugenommen. So stellten sie zuletzt dank einer Quotenregelung 27 Prozent der Abgeordneten im Parlament. Landesweit waren 21 Prozent aller Strafverteidiger:innen und 265 von insgesamt 1.951 Richter:innen Frauen. In der Besetzung des neuen Regimes findet sich keine Frau. Ehemalige Parlamentarierinnen und Juristinnen gehören zu den am meisten gefährdeten Personen. Das Frauenministerium wurde abgeschafft. Stattdessen installierten die Taliban erneut das berüchtigte „Ministerium für die Verbreitung der Tugend und die Verhütung des Lasters“. Es sorgt dafür, dass die frauenfeindlichen Erlasse des neuen Regimes umgesetzt werden.

8. Hohe Mütter- und Kindersterblichkeitsrate

Auch wenn die Müttersterblichkeit seit 1990 kontinuierlich reduziert werden konnte, war sie 2020 mit 638 Fällen bei 100.000 Lebendgeburten immer noch eine der höchsten der Welt. Ursachen der Müttersterblichkeit sind das oft junge Alter, Mangelernährung und schlechte medizinische Versorgung der Schwangeren: nur knapp 54 Prozent der Geburten wurden von Hebammen und Ärzt:innen begleitet. Auch die Kindersterblichkeitsrate ist weiterhin eine der höchsten weltweit: Vier von zehn Kindern sterben vor ihrem ersten Geburtstag. Angesichts der humanitären Krise und der eingeschränkten Arbeits- und Bewegungsfreiheit von Frauen werden diese Zahlen nun sogar noch ansteigen.

(Stand: 2022)

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Zahlen & Fakten aus der Praxis

1. Individuelle Unterstützung von Tausenden von Frauen

Konkrete Hilfe

Unsere Partnerorganisation hat über zwei Jahrzehnte Tausende von gewaltbetroffenen Frauen psychosozial und rechtlich beraten. Beraterinnen haben sie gestärkt und dabei unterstützt, ihren Weg in Würde zu gehen. Anwältinnen haben dafür gesorgt, dass inhaftierte Frauen faire Gerichtsverfahren bekamen und freigelassen wurden. Weitere Frauen erhielten Entschädigungszahlungen für das ihnen zugefügte Leid.

Empathische Begleitung in schwierigen Situationen

Stress- und traumasensible Begleitung stärkt das Selbstwertgefühl von Frauen. Sie wurden mit ihren Anliegen ernst genommen und erfuhren, dass jede Frau Rechte hat: nach islamischem Recht, nach nationalem Recht und nach den universalen Menschenrechten. Sie haben gelernt, in ihren Familien für ihre Belange einzustehen und für sich selbst zu sorgen. Diese Erfahrung bleibt auch in Krisenzeiten bestehen.

2. Gesellschaftliches Bewusstsein für Frauenrechte und Gewalt gegen Frauen

Durch unermüdliche Medienarbeit und Aufklärung verschiedener gesellschaftlicher Gruppen und in unterschiedlichen Arbeitsbereichen hat unsere Partnerorganisation die Debatte über Frauenrechte und über Gewalt gegen Frauen in Afghanistan beeinflusst und bereichert. Dass diese Debatte geführt wurde und fortwirkt, ist eine der größten Errungenschaften der letzten 20 Jahre.

3. Fachliche Weiterbildung

Zahlreiche Personen in verschiedenen Sektoren wurden von medica mondiale und von lokalen Fachfrauen über Jahre zu verschiedenen Aspekten von Frauenrechten und Gewalt gegen Frauen geschult. Ziel war nicht nur der Zuwachs an Wissen, sondern auch eine Veränderung von Bewusstsein und Haltung. Das geht auch unter dem neuen Regime nicht verloren: Frauen, die im Gesundheitssystem oder in der Bildung arbeiten, werden das Gelernte anwenden und weiterentwickeln.

4. Stärkung der Verbindung unter Frauenrechtler:innen

In den letzten 20 Jahren haben sich unter afghanischen Aktivist:innen starke Netzwerke entwickelt. Sie beruhen auf fachlicher Expertise, auf gemeinsamen politischen Überzeugungen und auf persönlichen Beziehungen. Die neuen Machthaber können das nicht auslöschen. Aktivist:innen im Exil und vor Ort knüpfen an diese gemeinsamen Erfahrungen an. Dabei entstehen auch neue Kooperationsstrukturen.

5. Erfahrung und Kontinuität in der politischen Arbeit

Große politische Erfahrung

Frauenrechtsverteidigerinnen haben in den vergangenen Jahren umfangreiche Erfahrung zu politischen Prozessen in lokalen und transnationalen Gremien gesammelt. Sie haben sich erfolgreich vernetzt und mit hochrangigen Politiker:innen debattiert. Sie sind damit vertraut, ihre Forderungen und roten Linien miteinander zu vereinbaren, diese nach außen zu vertreten und so ihre Rechte einzufordern.

Nur ein Rückschlag: Der Kampf um Frauenrechte geht weiter

Gemeinsam mit Gleichgesinnten haben Aktivist:innen mit unermüdlichem Engagement erreicht, dass Gesetze und Regelungen geschaffen wurden, die Gewalt gegen Frauen vermindern und unter Strafe stellen. Sie wissen, dass Aushandlungsprozesse auch unter extrem ungleichen Machtbedingungen möglich sind. Wir mussten einen herben Rückschlag erleiden, aber unsere gemeinsame Arbeit geht weiter.

(Der Jahresbericht 2021 erscheint im August 2022)

Zu sehen ist das Logo der Frauenrechtsorganisation medica mondiale im Hintergrund mit arabischen Schriftzeichen darunter. Rechts davor das Gesicht einer freundlich lächelnden Frau. Es ist Rechtsberaterin Jihan Abas Mohammed.
Zu sehen ist das Logo der Frauenrechtsorganisation medica mondiale im Hintergrund mit arabischen Schriftzeichen darunter. Rechts davor das Gesicht einer freundlich lächelnden Frau. Es ist Rechtsberaterin Jihan Abas Mohammed.
Partnerorganisationen weltweit
Übersicht über alle Partnerorganisationen von medica mondiale

Arbeitsschwerpunkte

medica mondiale arbeitet seit 20 Jahren in Afghanistan. Aus dem Programm der ersten Jahre ging eine selbstständige afghanische Frauenorganisation hervor. Mit ihr arbeitete medica mondiale eng zusammen und beriet sie in Organisations- und Fachfragen. Gegen alle Widerstände unterstützten die Aktivist:innen gewaltbetroffene Frauen und kämpften für gesellschaftliche Veränderung – auch mit Förderung der Bundesregierung. Durch die Machtübernahme der Taliban 2021 gerieten sie in Lebensgefahr. medica mondiale fordert: Die Bundesregierung muss ihrer politischen Verantwortung gerecht werden, damit Aktivist:innen nach Deutschland fliehen können. medica mondiale setzt alles daran, Frauen in Afghanistan auch in Zukunft zu unterstützen.

1. Psychosoziales Beratungsprogramm

medica mondiale hat den STA - stress- und traumasensiblen Ansatz® in enger Zusammenarbeit mit Partnerorganisationen entwickelt. Auf der Grundlage praktischer Erfahrungen vor Ort schulte medica mondiale die Beraterinnen in Afghanistan in den letzten 20 Jahren kontinuierlich in diesem Konzept.

Gruppen- und Einzelberatungen für Frauen

In Kabul, Herat, Mazar-i-Sharif, Samangan und Baghlan stellte unsere Partnerorganisation bis zum Sommer 2021 Beratungen für Frauen bereit, die unter psychischen und körperlichen Folgen von sexualisierter und anderer Gewalt litten. In regelmäßigen Gesprächsgruppen und Einzelsitzungen konnten die Frauen ihre Traumata bearbeiten und zu neuem Lebensmut zurückfinden.

Dezentrale Beratung, Beratung in Krankenhäusern und Notfallberatung

Unsere Partnerorganisation hatte dezentrale Beratungsräume eingerichtet, um möglichst vielen Frauen eine fachliche Unterstützung in ihrer Nähe zu bieten. Zusätzlich fanden Beratungen in mehreren Krankenhäusern direkt am Patientinnen-Bett statt. Hinzu kamen Notfallberatungen: zum Beispiel für Klientinnen, die vor der Rechtsberatung eine psychosoziale Stabilisierung benötigten.

Telefonische Beratung für gewaltbetroffene Frauen

Im Jahr 2020 boten die Beraterinnen zusätzlich telefonische Beratung über eine kostenlose Helpline für Frauen aus dem ganzen Land an, die von Gewalt und familiären Konflikten betroffen waren. Eine schnelle Bereitstellung dieser Beratung aus der Ferne war speziell während der Lockdowns der Covid-19-Pandemie dringend notwendig.

Frauenzentrierte Familienberatung

In Einzel- und Gruppengesprächen führte unsere Partnerorganisation seit 2018 frauenzentrierte Familienberatung durch. Dabei setzten sich die Beteiligten mit der konkreten familiären Konfliktsituation, Geschlechterrollen und den zerstörerischen Folgen von Gewalt auseinander. Die Bedürfnisse der betroffenen Frau standen im Mittelpunkt der Beratung.

Solidarität in Selbsthilfegruppen für Frauen

Zur Prävention von Gewalt initiierte unsere Partnerorganisation jedes Jahr etwa 12 neue Selbsthilfegruppen: Unter Anleitung ausgebildeter ehemaliger Klientinnen kamen Frauen zusammen, sprachen über Probleme und fanden passende Lösungen für familiäre Konflikte. Gleichzeitig erfuhren sie Solidarität in der Gruppe, durchbrachen ihre Isolation und stärkten ihre Position in Familie und Nachbarschaft.

2. Rechtshilfeprojekt

Stress- und traumasensible Rechtsberatung

Bis Mitte 2021 bot das Rechtshilfeprojekt unserer Partnerorganisation Frauen kostenfreie stress- und traumasensible Rechtsberatung an. Viele Frauen hörten so zum ersten Mal, dass auch sie Rechte haben.

Rechtliche Vertretung gewaltbetroffener Frauen

Die Anwältinnen vertraten strafrechtlich angeklagte, inhaftierte Frauen vor Gericht und unterstützten andere bei der Anzeige der meist männlichen Gewalttäter. In solchen Verfahren erwies sich die Strategie als wirkungsvoll, Entschädigung vom Täter einzuklagen – sowohl zur finanziellen Absicherung der betroffenen Frau als auch zur Prävention weiterer Gewalttaten.

Entschädigungsleistungen für sexualisierte Gewalt

In der Anwendung dieses juristischen Verfahrens in Fällen von sexualisierter und häuslicher Gewalt leistete unsere Partnerorganisation von 2017 bis 2021 Pionierarbeit. Damit noch mehr betroffene Frauen Entschädigungsleistungen erhalten konnten, schulten die Anwältinnen weitere Jurist:innen darin.

Rechtliche Vertretung in Zivilrechtsfällen

Darüber hinaus vertraten sie Frauen auch in Zivilrechtsfällen, beispielsweise bei Scheidungs- und Sorgerechtsfragen.

Frauenzentrierte Mediationsarbeit mit Frauen und ihren Familien

Viele Frauen wurden von Behörden und Familien so lange unter Druck gesetzt, bis sie ihre Anzeige zurückzogen. Bei solchen und anderen familiären Konflikten führten die Sozialarbeiterinnen unserer afghanischen Partnerorganisation Mediationen zwischen Frauen und ihren Familienangehörigen durch und sorgten dafür, dass die Bedürfnisse und Rechte der Frauen gewahrt wurden. In Kabul, Herat und Mazar-i-Sharif gab es dafür eigene Mediations-Räume.

Reintegration und Vorbeugung innerfamiliärer Gewalt

Wurden Frauen aus dem Gefängnis entlassen, führten Sozialarbeiterinnen Gespräche mit ihren Angehörigen, um den Frauen die Reintegration in die Familie zu ermöglichen und häuslicher Gewalt vorzubeugen.

3. Weiterbildung und Aufklärung

Traumasensible Gesundheitsarbeit

Mit unserer Unterstützung wurden Fachfrauen weitergebildet, die in Krankenhäusern arbeiten und damit häufig die Ersten sind, die in Kontakt mit gewaltbetroffenen Frauen kommen. Das Ziel: eine trauma-sensible Behandlung von Frauen, die an den Folgen der Gewalt leiden. Ärztinnen, Krankenschwestern und Hebammen erweiterten ihr Wissen über Trauma und Retraumatisierung, Psychosomatik und traumasensible Behandlungsmethoden. Diese Kenntnisse werden einige von ihnen weiterhin im Gesundheitssystem anwenden.

Nachhaltigkeit durch Selbstfürsorge

Um der eigenen Überbelastung vorzubeugen, lernten Fachfrauen, ihre Kräfte trotz des intensiven Kontakts mit stark belasteten Patientinnen zu schonen. Sie erfuhren, wie sie eine indirekte Traumatisierung, bei der die Helfenden selbst Traumasymptome entwickeln, vermeiden können. Da die Krankenhaus-Verantwortlichen in die Fortbildungen mit eingebunden waren, wirken diese Inhalte auch in Zukunft fort.

Multiplikator:innen im Einsatz für Frauenrechte

Durch die Weiterbildung und Aufklärung anderer Multiplikator:innen setzten wir uns kontinuierlich für die Verwirklichung von Menschenrechten für Frauen ein. So wurden religiöse Führer und Community-Älteste über die Folgen von Gewalt für gesamte Familien und Dorfgemeinschaften aufgeklärt. Dieses Wissen kann auch in Zukunft genutzt und weiterentwickelt werden.

Fortbildung für Beamt:innen zu Gewalt gegen Frauen

Auch mit Polizist:innen und Angehörigen des Justizsystems führten wir Fortbildungen zum Thema Frauenrechte und Gewaltschutz durch. Gefängniswärter:innen wurden zum stress- und traumasensiblen Umgang mit von Gewalt betroffenen Frauen sensibilisiert.

4. Politischer Einsatz

Politische Advocacyarbeit für Frauenrechte

Die in den letzten 20 Jahren hart erkämpfte Anerkennung von Frauenrechten ist durch die erneute Machtübernahme der Taliban 2021 mit einem Schlag zunichte gemacht worden. Trotzdem trägt unsere gemeinschaftliche politische Advocacyarbeit nachhaltige Früchte.

Erstes Gewaltschutzgesetz

Das Gewaltschutzgesetz (EVAW Law) von 2009 war ein Meilenstein im Kampf um Frauenrechte. Wiederholt versuchten Gegner des Gesetzes, es abzuschaffen. In Kooperation mit nationalen und internationalen Frauen- und Menschenrechtsorganisationen waren wir maßgeblich daran beteiligt, das Gesetz zu erhalten. Dieser gemeinsame Erfolg bleibt trotz der heutigen Missachtung des Gesetzes bestehen.

Einsatz für Reform des Familienrechts

Ebenso setzten wir uns jahrelang für eine Reform des Familienrechts ein, um wesentliche Verbesserungen für Frauen zu erreichen. Der Austausch mit Frauenrechtler:innen in anderen islamischen Staaten erbrachte neues Wissen für ein geschlechtergerechtes Familiengesetz. Dieses bleibt für Aktivist:innen trotz der neuen Bedingungen im Land ein Ziel – auch wenn es momentan in weiter Ferne erscheint.

Aktiv gegen gynäkologische Zwangsuntersuchungen

Unsere Partnerorganisation engagierte sich für die Beendigung sogenannter Jungfräulichkeitstests. 2017 wurden diese gynäkologischen Zwangsuntersuchungen ohne Zustimmung der betroffenen Frau und gerichtliche Anordnung verboten. Dennoch gehörten sie, meist auf Anordnung der Polizei und Richter:innen, weiterhin zu den Routineuntersuchungen beim Verdacht auf außerehelichen Geschlechtsverkehr (Zinā) und dienten als Beweismittel für eine Haftstrafe.

Aufklärung über die Folgen der „Jungfräulichkeitstests“

Diese Untersuchungen können extrem (re)traumatisierend wirken. Wir schätzen sie auf Grundlage einer Studie als eine Form von Folter ein. Sie sind darüber hinaus für den forensischen Nachweis von Geschlechtsverkehr fachlich absurd. Sie können zu einer gesellschaftlichen Stigmatisierung der Frauen und weiterer Gewalt bis hin zu sogenannten Ehrenmorden führen. Dieses Wissen wirkt heute im Bewusstsein von geschulten Polizist:innen fort.

5. Vernetzung und feministische Aktion

Im Verbund Frauenrechte stärken

Unsere Partnerorganisationen kooperierte intensiv mit verschiedenen afghanischen Initiativen, Netzwerken und Organisationen, um gemeinsam Frauenrechte zu stärken. Diese Verbindungen sind auch nach 2021 wirksam, um vor Ort oder im Exil aktiv für Frauenrechte zu werden.

Internationale Vernetzung mit Frauenrechtsorganisationen

Auf internationaler Ebene vernetzten sich die Aktivistinnen unserer Partnerorganisation, oft durch die Vermittlung von medica mondiale, mit anderen Frauenrechtsorganisationen in Südosteuropa, Indien, dem Nordirak und afrikanischen Ländern. Auf Workshops und Konferenzen knüpften sie Kontakte zu anderen Aktivist:innen und tauschten sich über politische Strategien und fachliche Aspekte ihrer Arbeit aus.

Solidarität über Grenzen hinweg

Ein starkes Netzwerk von Frauenorganisationen und -aktivist:innen ist dabei nicht nur für den Erfahrungsaustausch hilfreich. Besonders wichtig ist die Erfahrung von Solidarität und Stärkung über Grenzen hinweg. Diese solidarischen Verbindungen bleiben auch in Zeiten des Umbruchs bestehen.

Deutschland: Verantwortung übernehmen für afghanische Aktivist:innen und ihre Familien

Wir setzen uns dafür ein, dass Deutschland seinen Teil der Verantwortung für die folgenschweren politischen Veränderungen in Afghanistan und dessen katastrophale Auswirkung auf die Lebenssituation von Frauen und Mädchen übernimmt. Wir begleiten die Bundesregierung kritisch in der Umsetzung ihres Aktionsplans zu Afghanistan.

6. Schutz von Menschenrechtsverteidiger:innen

Unterstützung bei der Evakuierung

Eine große Zahl der bedrohten Mitarbeitenden unserer Partnerorganisation und deren engste Familienangehörige unterstützte medica mondiale nach der Machtübernahme der Taliban bei der Evakuierung aus Afghanistan. So finanzierte medica mondiale Schutzhäuser zur Unterbringung der aus den Provinzen geflohenen Mitarbeiter:innen und organisierte gemeinsam mit zivilgesellschaftlichen Akteur:innen sichere Fluchtwege.

Schutz im Land

Darüber hinaus richtete eine neue Partnerorganisation 2021 mit finanzieller Unterstützung von medica mondiale ein weiteres Schutzhaus in Kabul ein. Hier werden Frauenrechtsverteidiger:innen und ihre Familien für einen Zeitraum von wenigen Tagen bis zu mehreren Wochen oder Monaten untergebracht. Auch einigen von ihnen gelang es dadurch, außer Landes und in Sicherheit zu kommen.

(Stand: 2022)