Wir unterstützen Frauen und Mädchen in Kriegs- und Krisengebieten.
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Irak – Autonome Region Kurdistan

Gemeinsam mit unseren Partnerinnen unterstützen wir Überlebende ganzheitlich. Wir stärken Frauen in der Wahrnehmung ihrer Rechte.

Gruppenbild von Mitarbeiterinnen der irakischen Frauenrechtsorganisation EMMA.

Der Irak kommt nicht zur Ruhe. Jahrelange Sanktionen, bewaffnete Konflikte und politische Instabilität hinterlassen Spuren. Viele Frauen im Zentralirak und in der Autonomen Region Kurdistan (KRI) im Irak sind in ihrer persönlichen Entfaltung und ihren Möglichkeiten, selbstbestimmt zu leben, teils stark eingeschränkt. Aus Syrien und innerhalb des Iraks geflüchtete Frauen und Mädchen sind zudem verstärkt von sexualisierter Gewalt bedroht. Zugleich geraten zivilgesellschaftliche Kräfte zunehmend ins Visier des Staates und bewaffneter Milizen. Nichtsdestotrotz stellen sich Frauenrechtler:innen im Zentralirak und KRI den Herausforderungen und machen sich für ein gleichberechtigtes und sicheres Leben stark.

„Wenn wir es schaffen, dem Leben der Frauen wieder Sinn zu geben, hilft ihnen das bei der Genesung.“

Beraterin aus dem Irak

Zehn Fakten über Frauenrechte im Irak

1. Recht auf Schutz vor Gewalt nicht durchgesetzt

Die irakische Verfassung verbietet jede Form von Gewalt in der Familie. Doch es fehlt der politische Wille, das Recht auf Schutz tatsächlich durchzusetzen. Gesellschaftlich stehen Frauenrechten zudem religiös-konservative Normvorstellungen und wachsender Extremismus sowie Militarismus entgegen. So erleben Frauen und Mädchen im Irak weiterhin Gewalt und Diskriminierung. Besonders häusliche und sexualisierte Gewalt nehmen infolge bewaffneter Konflikte und anhaltender Unsicherheit zu.

2. Diskriminierende Gesetze

Im Zentralirak wie in der KRI kann jede anerkannte religiöse Gruppe familien- und personenstandrechtliche Angelegenheiten gemäß religiöser Gesetzgebung regeln. Diese Gesetze und ihre oft konservative Auslegung begünstigen sexualisierte Gewalt und Diskriminierung von Frauen und Mädchen. Überlebende sexualisierter Gewalt werden nicht nur stigmatisiert. Aufgrund ihrer wirtschaftlichen Abhängigkeit haben sie auch kaum Chancen, sich aus einer Gewaltsituation zu lösen oder rechtlich dagegen vorzugehen.

3. Sexualisierte Gewalt als Waffe

Die Verbrechen an den Jesid:innen und anderen Minderheiten im Jahr 2014 durch den sogenannten Islamischen Staat sind das jüngste Kapitel sexualisierter Kriegsgewalt gegen Frauen im Irak. Schon Saddam Hussein setzte während der Anfal-Kampagne sexualisierte Gewalt gegen kurdische Frauen ein. Auch nach der US-Invasion und dem Sturz des Regimes 2003 wurden nach Berichten von Menschenrechtsorganisationen unzählige Frauen entführt, vergewaltigt und getötet.

4. Jesidinnen und ihre Kinder nach dem Genozid

Jesidinnen, die durch Vergewaltigung in der IS-Gefangenschaft Mutter wurden, sind gezwungen ihre Kinder in Waisenhäusern oder Lagern zurückzulassen. Denn diese werden nicht als Teil der jesidischen Glaubensgemeinschaft anerkannt. Für die betroffenen Frauen kommt das gesellschaftliche Stigma um sexualisierte Gewalt hinzu. Im März 2021 verabschiedete das irakische Parlament ein Gesetz (Yazidi Female Survivor Law), das überlebende Jesidinnen besser schützen soll.

5. Gewalt in der Familie

Neben sexualisierter Kriegsgewalt erleben viele Frauen und Mädchen im Irak Gewalt durch männliche Familienmitglieder. Die Covid-19 Pandemie hat eine „Schattenpandemie“ innerfamiliärer Gewalt ausgelöst. Zwei Drittel der zuständigen Sozialbehörden meldeten einen Anstieg hilfesuchender Frauen. Aus finanzieller Not werden zudem viele Frauen und Mädchen früh oder unfreiwillig verheiratet. Sowohl im Zentralirak als auch in der KRI kommt es immer wieder zu Femiziden. Doch nur selten werden die Morde strafrechtlich verfolgt und dokumentiert.

6. Geflüchtete Frauen und Mädchen besonders gefährdet

Insgesamt sind 1,19 Millionen Menschen innerhalb des Iraks auf der Flucht, davon etwa 624.000 in der KRI. Nur rund 15 Prozent der intern Vertriebenen leben in Lagern. Hinzu kommen etwa 246.000 Menschen, die vor dem Krieg in Syrien geflohen sind. Geflüchtete und vertriebene Frauen sind verstärkt von geschlechterbasierter und sexualisierter Gewalt betroffen. Neben häuslicher Gewalt erfahren sie auch wirtschaftliche Gewalt, etwa das Zurückhalten von Ressourcen wie beispielsweise Rohstoffe oder Geld. Scham, Stigma und der Verlust sozialer Netzwerke hindern sie, gegen die erlebte Gewalt vorzugehen.

7. Krise im Gesundheitswesen

Auf 1.000 Personen kommen im Zentralirak 1,2 Krankenhausbetten und nicht mal ein:e Ärzt:in. In der KRI sind es 1,5 Betten und 1,4 Ärzt:innen. Oft fehlen selbst Basismedikamente. Die Krise im Gesundheitswesen ist Folge von jahrelangem Missmanagement, Korruption und fehlenden Investitionen. Die meisten Iraker:innen sind nicht versichert und müssen krankheitsbedingte Kosten privat tragen. Patriarchale Normen, Stigmata und Scham erschweren Frauen, die sexualisierte oder geschlechtsbasierte Gewalt erfahren haben, zusätzlich den Zugang zu Gesundheitsdiensten.

8. Gefährliches Anderssein

Lebensformen, die nicht den traditionellen Geschlechternormen entsprechen, werden von der Mehrheit der irakischen Gesellschaft nicht akzeptiert. Für viele LGBTIQ-Personen bedeutet dies, ihre Identität oder Partner:in nicht frei wählen zu können. Neben familiärem Druck sind sie oft auch brutalen Verbrechen und sexualisierter Gewalt ausgesetzt. Im April 2021 wurden mehrere Mitglieder der LGBTIQ-Community in Suleimaniya (KRI) mit dem Vorwurf der „Unmoral“ verhaftet.

9. Die Jugend ist die Hoffnung

Scheint die Frauenrechtslage im Irak angesichts der anhaltenden Gewalt manchmal aussichtslos, so gibt es dennoch Grund zur Hoffnung: die Jugend. Der Irak ist ein junges Land. Viele junge Männer und Frauen im Zentralirak und KRI kämpfen entschlossen und gemeinsam für einen sicheren und gerechteren Irak.

10. Meilensteine der Frauenrechtsarbeit

Seit Jahren setzen sich Frauenrechtler:innen im Irak für Gleichberechtigung und den Schutz von Frauen und Mädchen ein. In der KRI bewirkten sie die Einrichtung staatlicher Organe, die die Umsetzung von Frauenrechten überwachen sollen. Seit 2011 stellt ein Gesetz häusliche Gewalt in der KRI unter Strafe. Im Zentralirak blockiert das Parlament seit 2019 ein solches Gesetz. Als eines der ersten Länder der Region hat der Irak einen Nationalen Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Resolution 1325 aufgestellt.

(Stand: 2021)

Zahlen & Fakten aus der Praxis

485
gewaltbetroffene Frauen und Mädchen nahmen 2020 die psychosozialen und rechtlichen Unterstützungsangebote von EMMA im Nordirak wahr.

Bitte unterstützen Sie diese Arbeit mit Ihrer Spende!
 

Partnerorganisationen:

  • EMMA - Organisation for Human Development
  • Konsortialpartnerin Haukari mit den lokalen Partnerorganisationen Khanzad und PDO

Projektregionen:

  • Kurdische Autonomiegebiete

Projektschwerpunkte:

  • Aufbau eines schützenden Umfelds für gewaltbetroffene Frauen und ihre Kinder
  • Entwicklung eines Konzepts zur Mitarbeiter:innen-Fürsorge in einer Konfliktregion
  • Unterstützung und Beratung von Frauen mit geschlechtsspezifischen Gewalterfahrungen in Geflüchtetenunterkünften und Gastgemeinden

Finanzierung (Mittelgeber):

  • Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) 
  • Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ GmbH)
  • Eigenmittel

Quelle: Jahresbericht 2021, erscheint im August 2022

Zu sehen ist das Logo der Frauenrechtsorganisation medica mondiale im Hintergrund mit arabischen Schriftzeichen darunter. Rechts davor das Gesicht einer freundlich lächelnden Frau. Es ist Rechtsberaterin Jihan Abas Mohammed.
Zu sehen ist das Logo der Frauenrechtsorganisation medica mondiale im Hintergrund mit arabischen Schriftzeichen darunter. Rechts davor das Gesicht einer freundlich lächelnden Frau. Es ist Rechtsberaterin Jihan Abas Mohammed.
Partnerorganisationen weltweit
Übersicht über alle Partnerorganisationen von medica mondiale

Arbeitsschwerpunkte

1.EMMA – Ganzheitliche Unterstützung für Frauen und Mädchen

Seit September 2018 arbeitet medica mondiale mit der Frauenrechtsorganisation EMMA zusammen. Sie verfolgt das Ziel, geschlechtsspezifische Gewalt zu beseitigen und Frauen zu stärken. In Erbil, Dohuk und Shekhan bietet EMMA direkte Anlaufstellen für von Gewalt betroffene oder bedrohte Frauen. Psychosoziale Angebote unterstützen Überlebende bei der Verarbeitung des Erlebten. Durch Lehrangebote wie Alphabetisierung und Rechtsberatung werden Frauen dabei unterstützt, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

2. Aufklärung und politische Advocacy-Arbeit

EMMA sensibilisiert Fachkräfte in öffentlichen Institutionen für den Umgang mit Gewaltüberlebenden und betreibt Lobbyarbeit auf politischer Ebene. 2019 organisierte EMMA eine große Friedenskonferenz und diskutierte mit Vertreter:innen aus Politik und Wissenschaft sowie Mitgliedern nationaler und internationaler Nichtregierungsorganisationen unter anderem über die Situation von jesidischen Frauen und ihren aus Vergewaltigungen hervorgegangenen Kindern.

3. Nachhaltige Unterstützung: Selbst- und Personalfürsorge

Im Rahmen eines kontextualisierten Programms zur Selbst- und Personalfürsorge entwickelt und setzt EMMA individuelle und organisationsweite Maßnahmen der Selbst- und Personalfürsorge um. Diese helfen den Teams, die sich im Kontext von Stigmatisierung und vielfältiger sozialer, politischer und wirtschaftlicher Krisen bewegen, dabei langfristig konstruktiv zusammenarbeiten und Überlebende sexualisierter und geschlechtsspezifischer Gewalt mit gleichbleibender Kraft unterstützen können.

4. Qualifizierung von Gesundheitsfachkräften

In der Provinz Dohuk schult medica mondiale Gesundheitspersonal zu sexualisierter Gewalt und traumasensibler psychosozialer Beratung. 2016 haben wir diesen Ansatz mit der Fortführung laufender und dem Beginn neuer Qualifizierungsprogramme verstärkt. Das Regionalbüro in Dohuk koordiniert seit 2016 die Aktivitäten vor Ort. Als Teil eines transnationalen Qualifizierungsprogramms schult das Regionalbüro in Dohuk Gesundheitsfachkräfte im traumasensiblen Umgang mit Überlebenden von sexualisierter Gewalt. Zusammen mit lokalen Entscheidungsträgern arbeitet medica mondiale daran, dass Stress- und Traumasensibilität zukünftig zum Standard in den staatlichen Gesundheitseinrichtungen wird.

(Stand: 2021)