Wir unterstützen Frauen und Mädchen in Kriegs- und Krisengebieten.
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Trauma-Arbeit: Was ist der stress- und traumasensible Ansatz® (STA)?

Illustration mehrerer Menschen, die Frau im Zentrum hat die Augen geschlossen, auf ihrem Oberteil ist eine Spirale aufgedruckt.

Seit 1993 unterstützt medica mondiale Frauen und Mädchen, die in Kriegs- und Konfliktgebieten von sexualisierter Gewalt betroffen sind. Um sie kompetent und traumasensibel begleiten zu können, wurde der STA – stress- und traumasensibler Ansatz® – entwickelt.

Von Gewalt betroffene Frauen und Mädchen erleben häufig Gefühle der Ohnmacht und Isolation. Die Grundprinzipien des STA versuchen diesen Erfahrungen entgegenzuwirken. Sie sind stärkend und entlastend, sowohl für Betroffene als auch für Aktivist:innen, Fachpersonal und Arbeitsteams, die mit Betroffenen arbeiten.

Was bedeutet Sicherheit?

„Ein sicherer Ort, Vertrauen, Vertraulichkeit und keine Angst mehr zu haben (…)“

Teilnehmende einer Evaluierung

Was bedeutet Empowerment?

„(…) Ihnen bewusst zu machen, wie viel Kraft und Stärke in ihnen steckt, welche Ressourcen sie in sich tragen, welchen Wert sie als Menschen haben, damit sie sich (zu)trauen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen.“

Teilnehmende einer Evaluierung

Fragen & Antworten zum STA – stress- und traumasensiblen Ansatz

Was ist der STA – stress- und traumasensibler Ansatz® von medica mondiale?

Der STA – stress- und traumasensibler Ansatz® – ist ein niedrigschwelliger Ansatz, der von Gewalt und Trauma Betroffenen auch in einem Umfeld mit sehr begrenzten Ressourcen Zugang zu Unterstützung bietet. Er zielt darauf ab, dass Helfende eine traumasensible Haltung entwickeln, die Gewaltüberlebende zu stärken und zu ihrer Stabilisierung beizutragen. Die Menschen, die Betroffene unterstützen, sollen zudem selbst dabei gesund bleiben.

Wie ist der STA entstanden?

Der STA – stress- und traumasensibler Ansatz® wurde in enger Zusammenarbeit und auf der Grundlage praktischer Erfahrungen mit Partnerorganisationen von medica mondiale aus dem Kosovo, Bosnien und Herzegowina, Afghanistan und Liberia entwickelt. Er wird in Fortbildungen weitervermittelt und auf die jeweiligen Arbeitskontexte und regionalen Gegebenheiten angepasst.

Zum Beispiel wurden in Burundi Gesundheitsfachkräfte wie Ärzt:innen und Krankenpfleger:innen im stress- und traumasensiblen Ansatz ausgebildet, sodass diese sensibel und kompetent auf Frauen reagieren können, die sexualisierte Gewalt erfahren haben. Die Trainings wurden von lokalen Expertinnen vor Ort durchgeführt, die von medica mondiale ausgebildet und begleitet wurden.

Welches Trauma-Verständnis hat medica mondiale?

medica mondiale hat ein feministisches und soziopolitisches Trauma-Verständnis, das sich fundamental von einem klinischen, medizinisch-psychiatrischen Ansatz unterscheidet.

Beim klinischen Ansatz wird nur das Trauma der einzelnen Person in den Blick genommen und die Symptome behandelt. Wir sind der Ansicht, dass auch die sozialen, politischen und gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen die Betroffene lebte, als sie die Gewalterfahrung gemacht hat, eine wichtige Rolle spielen.

Welche Rolle spielt Gewalt als Trauma-Ursache?

medica mondiale benennt Gewalt gegen Frauen und nicht-binäre Personen als Ursache von Traumatisierungen. Diese Gewalt wird vorrangig in patriarchalen und heteronormativen Gesellschaften ausgeübt. Posttraumatische Belastungsreaktionen bewerten wir nicht als Krankheitssymptome, sondern als Überlebens- und Verteidigungsstrategien im Angesicht von Gewalt, Bedrohung und Unterdrückung.

Gewalt gegen Frauen hat Folgen für die gesamte Gesellschaft. Zum Beispiel in Form von transgenerationalem Trauma.

Welches Gewaltverständnis liegt dem STA zugrunde?

Der stress- und traumasensible Ansatz – ist eingebettet in ein intersektionales feministisches Selbstverständnis. Ein intersektionales Verständnis von Gewalt berücksichtigt die Überschneidung verschiedener Formen von Gewalt. Dazu zählen beispielsweise historische und kollektive Gewalterfahrungen wie Rassismus, Heteronormativität oder Ableismus, ebenso wie kollektive und transgenerationale Traumafolgen. Außerdem berücksichtig der STA die verschiedenen Ebenen, auf denen Gewalt wirken und ausgeübt werden kann: individuell, im sozialen Umfeld, institutionell, politisch und gesamtgesellschaftlich.

Welche Berufsgruppen können den STA anwenden?

Sexualisierte und geschlechtsspezifische Gewalt hat Auswirkungen auf psychischer, sozialer, körperlicher, rechtlicher und auch ökonomischer Ebene. Der STA – stress- und traumasensibler Ansatz® – ist ein multiprofessioneller Ansatz, der eine handlungsleitende Orientierung gibt und somit von Menschen in allen Arbeitsfeldern angewandt werden kann. Unsere aktuellen Qualifizierungsangebote richten sich vorrangig an Gesundheitsfachkräfte, Sozialarbeiter:innen, Anwält:innen, Richter:innen, Friedensfachkräfte, Personal im Bereich Evaluation und Forschung, Studierende sowie an Aktivist:innen.

Was sind die Ziele des STA für Gewaltüberlebende?

Der stress- und traumasensible Ansatz zielt darauf ab, dass Überlebende von sexualisierter und geschlechtsspezifischer Gewalt eine auf Sicherheit, Stärkung sowie auf Solidarität und Verbindung basierende kompetente Unterstützung erfahren. Er ist anwendbar in Beratungsangeboten, im sozialen Umfeld betroffener Menschen, bei Dienstleister:innen und in Institutionen wie beispielsweise in Gesundheitszentren. Die Anwendung der STA-Prinzipien trägt dazu bei, dass Betroffene sich wieder stabilisieren und unterstützt damit die Bewältigung der Gewalterfahrung(en).

Was sind die Ziele des STA für Aktivist:innen, Fachkräfte, Organisationen und Institutionen?

Aktivist:innen und Fachkräfte, Organisationen und Institutionen sollen dazu befähigt werden, ihre Angebote für von Gewalt und Traumafolgen betroffene Personen stress- und traumasensibel auszurichten. Sie sollen gleichzeitig lernen, durch das Etablieren von Maßnahmen zur Selbst- und Mitarbeitendenfürsorge selbst stabil zu bleiben.

Welche Rolle spielen Selbst- und Mitarbeitendenfürsorge beim Thema Trauma?

Selbst- und Mitarbeitendenfürsorge ist eines der vier Grundprinzipien des STA – stress- und traumasensibler Ansatz® und ist wichtig, um sicherzustellen, dass Fachkräfte in der Lage sind, mit Stress- und Traumadynamiken umzugehen. Selbstfürsorge ist etwas Persönliches, sollte aber von Vorgesetzten und Organisationen unterstützt werden (Mitarbeitendenfürsorge).

Was sind Beispiele für aktive Selbst- und Mitarbeitendenfürsorge?

Die Vorgesetzten können die Mitarbeitenden dazu ermutigen, einen Plan für ihre eigene Selbstfürsorge zu entwickeln. Auch können von der Organisation Angebote für ihre Mitarbeitenden gemacht werden wie zum Beispiel Entspannungsübungen oder Betriebssporteinheiten, die sie in ihrer Selbstfürsorgepraxis stärken. Selbstfürsorge ist ein elementarer Aspekt, um die Fachkräfte emotional zu stärken, zu schützen und eine Sekundärtraumatisierung zu vermeiden.

Was beschreibt das Konzept der Achtsamen Organisationskultur?

Achtsame Organisationskultur© ist ein spezifischer feministischer Ansatz der Personal- und Mitarbeitendenfürsorge, der darauf abzielt, die Resilienz von Mitarbeiter:innen und Aktivist:innen als auch von Teams und Organisationen zu fördern. Dies soll einen Beitrag dazu leisten, dauerhaft das politische Engagement für Frauenrechte und auch die Widerständigkeit gegen Unterdrückung und Diskriminierung aufrecht zu erhalten. Der Ansatz beinhaltet fünf Komponenten.

Was sind die Ziele des STA auf gesellschaftlicher Ebene?

medica mondiale setzt sich für die Anwendung des STA – stress- und traumasensibler Ansatz ® – auf allen Ebenen ein, auf denen sexualisierte Gewalt wirkt. Damit wollen wir unseren Beitrag zur Traumabewältigung und Gewaltprävention und damit zum gesellschaftlichen Wandel leisten. So ist Stress- und Traumasensibilität nicht nur wichtig bei Beratungsgesprächen auf der individuellen Ebene, sondern auch bei Sensibilisierungsaktivitäten im sozialen Umfeld, bei Fortbildungsprogrammen auf der institutionellen Ebene und bei Advocacy-Arbeit auf der politischen Ebene.

Welche Rolle spielen Politik und Gesellschaft bei der Traumabewältigung?

Wir sehen Gewalt gegen Frauen als schwere Menschenrechtsverletzung. Deswegen ist es die Verantwortung aller, die auf den Prozess der Traumatisierung und auf die Anerkennung des Leids der Betroffenen Einfluss nehmen können, aktiv zu werden. Damit sind beispielsweise die Familien der Gewaltbetroffenen gemeint, indem sie ein unterstützendes Umfeld schaffen. Aber vor allem auch Gemeinden und ganze Gesellschaften, Politik, Polizei und Justiz, indem sie Strukturen und Prozesse etablieren, die es Betroffenen möglich machen, ihre Erfahrungen zu teilen und Gerechtigkeit zu erfahren, und indem sie Täter:innen zur Rechenschaft zu ziehen.

Was sind die Grundprinzipien des STA?

Die vier Grundprinzipien (Sicherheit, Empowerment, Solidarität & Verbindung, Mitarbeitenden- & Selbstfürsorge) sind so konzipiert, dass sie den typischen psychischen und sozialen Dynamiken entgegenwirken, die durch existenziell bedrohliche traumatische Erfahrungen ausgelöst werden. Sie sind handlungsleitend und fördern eine spezifische Haltung gegenüber von Gewalt betroffenen Menschen und auch gegenüber sich selbst als unterstützende Person.

Das Prinzip Sicherheit umzusetzen bedeutet, Situationen in der Unterstützung und Begleitung von Überlebenden zu reduzieren, die Stress und Angst auslösen. Dazu können zum Beispiel transparente und verlässliche Kommunikation oder auch Schutzmaßnahmen vor Täter:innen beitragen. Gleichzeitig sollte das Prinzip Sicherheit als leitende Orientierung auch von Organisationen gegenüber den helfenden Angestellten Anwendung finden, da diese durch ihre inhaltliche Arbeit an Themen wie sexualisierter Gewalt der Gefahr einer Sekundären Traumatisierung ausgesetzt sind.

Überlebenden von Gewalt mit einer Empowerment-orientierten Haltung zu begegnen bedeutet, sie als aktive Gestalter:innen ihres Lebens wahrzunehmen, die sich mit ihrer Würde und ihrem Mut verbinden und ihre Handlungsspielräume erweitern können – in ihren Beziehungen, ihrem familiären und sozialen Umfeld oder auch gegenüber Institutionen.

Ein Ziel der direkten Arbeit mit Überlebenden ist es, ihre Verbindung zu sich selbst zu stärken. Zudem soll ein stärkendes Miteinander unter Überlebenden von sexualisierter Gewalt gefördert werden, um die Isolation zu durchbrechen. Wichtig ist es auch, die soziale Wieder-Teilhabe der Überlebenden an der Gemeinschaft zu ermöglichen. Dafür ist die solidarische Anerkennung des Leids essenziell – individuell, aber auch gesellschaftlich und politisch. Ein Beispiel für eine fehlende gesellschaftliche Anerkennung des Leids ist zum Beispiel die Weigerung der japanischen Regierung die kollektive sexualisierte Gewalt gegen die koreanischen sogenannten „Trostfrauen“ im 2. Weltkrieg anzuerkennen und sich dafür zu entschuldigen.

Unterstützende und helfende Personen sind dem Leid der Überlebenden sehr nah und erleben daher indirekt traumatischen Stress. Wir erkennen Selbstfürsorge als Menschenrecht an und als feministischen Akt. Während Aktivist:innen und Mitarbeitende die Verantwortung für Selbstfürsorge tragen, haben andere Gruppen, Organisationen und die Gesellschaft als Ganzes ebenfalls eine Verantwortung für die Fürsorge: indem sie Strukturen und Dienste bereitstellen, die Wohlbefinden und Unterstützung fördern.

Was ist das Ziel der STA-Fortbildungen?

Ziel von Qualifizierungsangeboten – wie Fortbildungen, Fachberatungen und Coaching – zum stress- und traumasensiblen Ansatz ist es, dass Fachkräfte und auch Aktivist:innen gesund und stabil bleiben. So können sie Menschen, die unter den Folgen von Gewalt und Trauma leiden, kompetente Unterstützung anbieten und sie stress- und traumasensibel begleiten oder beraten.

Was wird in STA-Fortbildungen vermittelt?

Die Teilnehmenden werden für die Hintergründe und Auswirkungen von Gewalt und Trauma sensibilisiert. Sie werden in die Lage versetzt, Anzeichen für Stress und Trauma zu erkennen und Prinzipien der Stress- und Traumasensibilität im eigenen Arbeitskontext anzuwenden. Die Qualifizierungsangebote geben auch Impulse für die Entwicklung einer stress- und traumasensiblen Haltung, die geprägt ist von Solidarität und Verbundenheit in der Kommunikation und im direkten Umgang mit gewaltbetroffenen Menschen. Denn es ist nicht nur wichtig, was wir tun, sondern auch wie wir etwas tun.

 Post-ist mit Begriffen rund um das Thema Trauma und Traumabewältigung.
 Post-ist mit Begriffen rund um das Thema Trauma und Traumabewältigung.
Fortbildungsangebot von medica mondiale
medica mondiale qualifiziert im trauma-sensiblen Umgang mit Frauen, die Gewalt erlebt haben.

Mit welchen Instrumenten arbeitet der STA – stress- und traumasensibler Ansatz®?

Der STA bietet praktische Tools an, die darauf abzielen, die oben genannten STA-Prinzipien zu fördern und zur (Selbst-)Stabilisierung und Stärkung beizutragen.
Anleitungen zu Selbstfürsorge- und Ressourcenübungen helfen dabei, andere und sich selbst in besonders belastenden Situationen zu regulieren und zu stärken. medica mondiale stellt zudem STA-Leitlinien für bestimmte Arbeitsbereiche zur Verfügung. Idealerweise werden sie in enger Zusammenarbeit mit den Fachkräften oder Aktivist:innen im jeweiligen Kontext entwickelt oder in der Praxis erprobt und angepasst. So hat medica mondiale zum Beispiel einen Praxisleitfaden für stärkende Gruppenangebote für Geflüchtete auf der Basis von Stress- und Traumasensibilität entwickelt und erprobt.

Was bedeuten Solidarität und Verbindung?

„Die Wichtigkeit, sich mit anderen Überlebenden, mit Berater:innen, anderen Frauen und Menschen verbunden zu fühlen hilft gegen das Gefühl des Alleinseins, der Ohnmacht, der Stigmatisierung.“

Teilnehmende einer Evaluierung

Was bedeutet Mitarbeitenden- und Selbstfürsorge?

„Verbesserung der Beziehung zwischen den Mitarbeitenden, gegenseitige Stärkung, Aufbau von Vertrauen, bessere Qualität der Arbeit.“

Teilnehmende einer Evaluierung

Der stress- und traumasensible Ansatz in unserer Projektarbeit

Beispiel: Stress- und Traumasensibilität im Kontext von Flucht

In Deutschland wurden Expert:innen, Trainer:innen, Haupt- und Ehrenamtliche geschult, die in Beratungsstellen, Unterkünften oder Initiativen mit Gewaltbetroffenen und Geflüchteten arbeiten oder in der Verwaltung tätig sind. Basierend auf den vier STA-Prinzipien konnten nach den Fortbildungen beachtliche Wirkungen und Anknüpfungspunkte in der Praxis festgestellt werden. Zum Beispiel wurde in einer Zentralunterbringungseinrichtung ein eigener Gebäudetrakt für alleinstehende Frauen eröffnet und ein stärkendes Gruppenangebot als „geschützter Raum“ ins Leben gerufen.

Lesen Sie mehr zu unseren Fortbildungen für Fachkräfte & Personen mit Flucht- oder Migrationserfahrung.

Beispiel: Schulung von Gesundheitsfachkräften in Burundi

Von medica mondiale geschulte Expert:innen bildeten 56 Pflegekräfte burundischer Distriktkrankenhäuser zum Thema stress- und traumasensible Betreuung im Gesundheitssektor aus. Neben der theoretischen Wissensvermittlung beinhaltet die Schulung praktische Begleitungen und Coachings, die zur nachhaltigen Umsetzung des STA beiträgt. So können Pflegekräfte wirksam und angemessen auf Frauen reagieren, die nach Gewalterfahrungen medizinische Dienste in Anspruch nehmen.

Beispiel: Selbst- und Personalfürsorge in der autonomen Region Kurdistan im Irak

In einem Projekt zur Selbst- und Personalfürsorge in der autonomen Region Kurdistan im Irak schulte die Trainerin Maria Zemp im Auftrag von medica mondiale 40 Mitarbeiterinnen einer Partnerorganisation intensiv im STA. Die Organisation entwickelte auf der Basis des STA ihr eigenes Personalfürsorgekonzept. Neben strukturellen Maßnahmen zur Organisationsentwicklung (unter anderem regelmäßigen Team- und Planungsmeetings) machen Mitarbeiterinnen nun zum Beispiel regelmäßig gemeinsam Körperübungen zur Entspannung und Achtsamkeit.