Gender-Apartheid

Institutionalisiertes Herrschaftssystem, das Menschen aufgrund ihres tatsächlichen oder zugeschriebenen Geschlechts (Gender) systematisch diskriminiert, unterdrückt und entrechtet.

Gender-Apartheid bezeichnet ein politisch, rechtlich und gesellschaftlich organisiertes System, in dem Menschen aufgrund ihres tatsächlichen oder zugeschriebenen Geschlechts systematisch diskriminiert, unterdrückt und beherrscht werden. Ziel ist es, die Macht einer Gruppe über andere dauerhaft aufrecht zu erhalten. Es geht nicht um einzelne Benachteiligungen, sondern um ein politisch, rechtlich und gesellschaftlich organisiertes System, das einer Gruppe Macht sichert und andere Gruppen entrechtet. 

Gender-Apartheid richtet sich häufig gegen Frauen und Mädchen. Sie kann zugleich weitere Menschen treffen, die vorherrschenden Geschlechternormen und Rollenerwartungen nicht entsprechen. 

Gender-Apartheid in Afghanistan

Seit ihrer Machtübernahme im August 2021 haben die Taliban die Rechte von Frauen und Mädchen in Afghanistan Schritt für Schritt massiv eingeschränkt. Sie verwehren ihnen den Zugang zu weiterführender und universitärer Bildung, schließen sie aus vielen Berufen und aus dem politischen und öffentlichen Leben aus, beschränken Bewegungsfreiheit und Meinungsäußerung und setzen weitreichende Segregations- und Kleidungsvorschriften durch. Zugleich erschweren sie den Zugang zu Recht und Schutz vor Gewalt. 

Die Regelungen sind weder zufällig noch voneinander isoliert. Sie bilden ein institutionalisiertes System, das Frauen und Mädchen unterordnet und ihre Selbstbestimmung kontrolliert.

medica mondiale bezeichnet das Herrschaftssystem der Taliban deshalb als Gender-Apartheid.  

Warum heißt es “Apartheid”?

Der Begriff Apartheid ist untrennbar mit dem rassistischen Apartheidregime in Südafrika verbunden. Dort errichteten von der Vorherrschaft weißer Menschen geprägte Kolonialregierungen ein rassistisches System der Trennung und Unterdrückung. Wenn von Gender-Apartheid gesprochen wird, werden die rassistische Apartheid in Südafrika und geschlechtsbezogene Unterdrückung nicht historisch gleichgesetzt. Gemeint ist eine strukturelle Parallele: Ein institutionell abgesichertes System teilt Menschen in Gruppen ein, weist ihnen ungleiche Rechte zu und erhält die Herrschaft einer Gruppe gezielt aufrecht. Der Begriff sollte deshalb sorgfältig und nur dort verwendet werden, wo eine systematische, institutionalisierte und auf Dauer angelegte Herrschaftsordnung vorliegt. 

Ist Gender-Apartheid ein international anerkanntes Verbrechen?

Im Gegensatz zu rassistischer Apartheid, ist Gender-Apartheid bislang nicht als eigenständiges Verbrechen im internationalen Strafrecht verankert. Geschlechtsbezogene Verfolgung kann jedoch bereits heute als Verbrechen gegen die Menschlichkeit verfolgt werden. Der Begriff Gender-Apartheid ergänzt diese rechtliche Perspektive: Er beschreibt nicht nur einzelne Verbrechen oder Verfolgungshandlungen, sondern das umfassende Herrschaftssystem, in dem sie stattfindet. Mehrere Staaten und zivilgesellschaftliche Organisationen fordern, Gender-Apartheid darin ausdrücklich zu verankern. medica mondiale unterstützt eine klare, inklusive Kodifizierung. 

Gender-Apartheid ist von Menschen gemacht. Deshalb kann sie von Menschen beendet werden. 

Eine Frau mit braunem Kopftuch geht an einer dunkel bemalten Wand vorbei, auf der Demo-Sätze zu Frauenrechten stehen. © Getty Images
Afghanistan
Die Situation für Frauen und Mädchen in Afghanistan hat sich mit der Machtübernahme der Taliban im August 2021 massiv verschlechtert.