Nachlass: „Man gibt den Staffelstab weiter“
Sie sind zertifizierte Testamentsvollstreckerin. Worin genau besteht Ihre Arbeit?
Ich sorge dafür, dass der Nachlass so geregelt wird, wie es die oder der Verstorbene zu Lebzeiten vorgesehen hat. Das bedeutet auch, dass sich mein Team und ich bei Bedarf um die Wohnungsauflösung und den Verkauf von Immobilien kümmern, offene Rechnungen begleichen oder die Beisetzung organisieren.
Wie groß ist Ihr Team?
Wir sind zu fünft. Dazu kommen Gutachter:innen, Händler:innen, Makler:innen Leute, die uns beim Räumen helfen, ... Jede:n Einzelne:n kenne ich seit Jahren. Mir ist wichtig, dass ich mit Menschen zusammenarbeite, denen ich vertraue. Mittlerweile sind wir wie eine familiäre Gemeinschaft, würde ich sagen. Wir glauben auch alle an Karma: Wenn wir es für die Verstorbenen gut machen, davon sind wir überzeugt, dann kommt Gutes zu uns zurück.
Wie machen Sie es ‚für die Verstorbenen gut‘, zum Beispiel, wenn Sie eine Wohnung auflösen sollen?
Mit Respekt. Die Dinge, die einen umgeben, mögen für andere nicht wichtig sein. Aber für einen selbst symbolisieren sie das ganze Leben. Und dessen sind wir uns bewusst. Deshalb schauen wir uns jedes Stück einzeln an.
Das klingt ganz schön aufwändig.
Ist es auch. Aber wir leben in einem Kontext und diesem Kontext muss man Raum geben. Das heißt: sich Zeit nehmen, die Menschen wahrnehmen – die Verstorbenen wie die Hinterbliebenen – und am Ende eine Situation schaffen, die für alle gut ist. Da hört man manchmal erst einmal der Tochter zu, die mit dem Testament unglücklich ist, oder legt ein Fotoalbum beiseite für die Schwester. Manchmal telefoniert man mit dem Nachbarn, der sagt: ‚Ach, das Efeu, das wurde lange nicht geschnitten. Könnten Sie das mal wegmachen? Das rankt mir jetzt in meinen Garten rein.‘
Und wenn dann die Efeu-Frage im Garten geklärt ist, was machen Sie mit den Gegenständen im Haus?
Wir haben ein großes Netzwerk aus Auktionshäusern und Händler:innen. Einmal haben wir uns beispielsweise um eine Wohnung gekümmert, die voller chinesischer Kunst war. Vieles verkauften wir in diesem Fall über ein Auktionshaus am Bodensee, das sich auf chinesische Kunstwerke spezialisiert hat. Anderes geben wir an Second-Hand-Läden und Flohmärkte oder inserieren auf Online-Portalen. Persönliche Unterlagen wie Kontoauszüge und Verträge vernichten wir natürlich datenrechtskonform.
Und der Rest kommt in einen Container?
Nein. Im Schnitt gelingt es uns, dass mehr als 80 Prozent des Besitzes nachhaltig weiter genutzt werden können. Wir brauchen also keine Container. Im Normalfall arbeiten wir wie bei einem Umzug. Da hält ein Kleinbus und dann wird alles verpackt und abtransportiert. Und manchmal ist auch tatsächlich die Einrichtung so schön, dass wir bis zum Verkauf alles im Haus lassen. Dann freuen sich die neuen Eigentümer:innen, wenn sie Möbelstücke übernehmen können.
Vererben Menschen heute anders als früher?
Ja. Heute wird bewusster vererbt. Normalerweise ist mit dem Tod alles vorbei, aber durch ein Testament kann ich über den Tod hinaus tatsächlich noch Einfluss nehmen. Ich sehe das so: Die Frauen und Mädchen, die medica mondiale unterstützt und die ich wiederum mit meinem Erbe unterstützen kann, haben eine Geschichte. Mit ihrer Geschichte beeinflussen sie wiederum die Geschichte anderer Frauen. Das heißt: Es hört nicht auf. Man gibt lediglich den Staffelstab weiter.