Afghanistan: „Manchmal fehlen mir angesichts der Situation die Worte“
Wie geht es den Afghaninnen vier Jahre nach der erneuten Machtergreifung der Taliban?
Afghanische Frauen befinden sich im Krieg mit einer Gruppe Fundamentalisten, die sie als Sexarbeiterinnen sehen. Sie haben Afghanistan in ein Gefängnis für Frauen verwandelt. Ein Gefängnis ohne Gerechtigkeit. Partnerschaftliche Gewalt zum Beispiel nimmt zu, aber Frauen haben keinen Zugang mehr zur Justiz, niemanden, der sie anhört. Auch weil die Taliban Anwältinnen und Richterinnen mit einem Berufsverbot belegt haben. Überhaupt sind die Berufsmöglichkeiten von Frauen stark eingeschränkt. Mit entsetzlichen Folgen. Es gibt viele Witwen, die allein für ihre Kinder verantwortlich sind. Ich weiß nicht, wie sie ihre Familien durchbringen.
Welche Konsequenzen drohen Frauen, die sich unter den Taliban für ihre Rechte starkmachen?
Frauen, die sich gegen das Regime wehren, werden verhaftet. Im Gefängnis erleben sie sexualisierte Gewalt. Und immer wieder höre ich von Familien, die ihre Töchter und Schwestern nach einer Verhaftung verstoßen. Es gibt kaum noch Frauenhäuser. Wo sollen die Frauen hin? Viele Frauen und Mädchen sind depressiv. Und die Zahl der Selbstmorde steigt.
Wie reagiert die internationale Gemeinschaft auf diese gravierenden Frauenrechtsverletzungen?
In einer Welt voller Krisen – von der Ukraine bis Gaza – scheint es wenige zu interessieren, ob ein afghanisches Mädchen zur Schule gehen kann oder nicht. Doch das ist ein entscheidender Fehler. Wenn es keine ausgebildeten Juristinnen, Ingenieurinnen, Ärztinnen … gibt, wie wird Afghanistan in 50 Jahren aussehen? Sicher ist jetzt schon:
Die Entwicklung in Afghanistan wird sich auf andere Länder auswirken. Extremismus und Gewalt machen nicht an nationalen Grenzen halt – schon gar nicht in einer digitalen Welt.
Seit Juli arbeiten zwei Konsularbeamte des Taliban-Regimes an den afghanischen Botschaften in Bonn und Berlin. Was bedeutet diese Entwicklung?
Ich war geschockt. Damit erhält eine Gruppe von Terroristen die Möglichkeit, Einfluss auf die Afghan:innen zu nehmen, die in Deutschland leben. Vor allem Frauen und ehemalige Ortskräfte haben Angst. Sie fürchten, als Erste zurückzumüssen, sobald die deutsche Regierung eine Allianz mit den Taliban eingeht. Schon heute erhalten viele nur noch Aufenthaltsgenehmigungen für sechs Monate. Das ist extrem belastend.
Die beiden Abschiebeflüge im Sommer 2024 und 2025 haben die Afghan:innen in Deutschland weiter verunsichert. Erschwert wird das durch die neue Rhetorik, die Afghan:innen als kriminell stigmatisiert.
Das wirkt sich auch auf unseren Alltag aus. Manche trauen sich nicht mehr zu sagen, wo sie herkommen. Vor kurzem sagte mir ein Grenzbeamter am Flughafen, wie ich es wagen könne, von Sozialhilfe zu leben und in den Urlaub zu fahren. Ich konnte nur antworten, dass ich arbeite, Steuern zahle und auf dem Weg zu einer Konferenz in Istanbul bin.
Deutschland war für mich immer das Land, das Menschen- und Frauenrechte verteidigt und Geflüchteten Schutz bietet. Nach der Machtergreifung der Taliban hatte dieses Deutschland versprochen, gefährdete Personen zu schützen. Doch mittlerweile hat sich etwas verschoben. Nicht nur in Deutschland.
Derzeit macht vor allem Pakistan mit einer unerbittlichen Abschiebepraxis Schlagzeilen.
Ja. Bis Ende August will die Regierung 1,3 Millionen Afghan:innen zur Ausreise zwingen. Ich bin in Kontakt mit Betroffenen. Sie sind verzweifelt. Behörden gehen teilweise von Tür zu Tür und suchen Geflüchtete. Afghanen:innen werden ins Gefängnis geworfen. Früher bekam man Visa für sechs Monate. Jetzt ist es nur noch einen Monat gültig – und kostet 100 US-Dollar pro Person, ein immens hoher Betrag für eine große Familie. Aber auch Iran schiebt massenhaft ab. Und im Juli ordnete Tadschikistan an, dass alle afghanischen Flüchtlinge das Land verlassen müssen. Diese Menschen haben auf ihrer Flucht alles zurückgelassen. Jetzt müssen sie zurück in ein Land, in dem über zwölf Millionen Menschen hungern und Frauen wie im Gefängnis leben.
Die Länder im Globalen Norden wie Süden denken an ihre eigenen Vorteile. Da gelten Menschenrechte nicht mehr für alle. Manchmal fehlen mir angesichts der Situation die Worte.