28. Juli 2026 - Interview

Fünf Jahre Taliban: „Afghanische Frauen kämpfen weiter – trotz allem“

Am 15. August 2026 jährt sich die Machtübernahme der Taliban in Afghanistan zum fünften Mal. Die Situation für Frauen und Mädchen verschärft sich seither dramatisch. Trotzdem kämpfen Frauenrechtsaktivist:innen – unter größten Risiken – weiter. Im Interview erklärt Inga Weller, Afghanistan-Referentin bei medica mondiale, warum ihre Arbeit heute wichtiger denn je ist – und welche Verantwortung Deutschland und die internationale Gemeinschaft tragen.

Inga Weller beim Workshop Safer Spaces mit Frauen aus Afghanistan © Martina Goyert

Am 15. August jährt sich die Machtübernahme der Taliban zum fünften Mal. Wie hat sich die Lebensrealität von Frauen und Mädchen in Afghanistan in diesen fünf Jahren verändert? 

Die vergangenen fünf Jahre waren von einer weltweit beispiellosen und systematischen Entrechtung von Frauen und Mädchen geprägt. Schritt für Schritt wurden sie aus dem öffentlichen Leben verdrängt. Mädchen dürfen keine weiterführenden Schulen besuchen, Frauen sind vom Hochschulstudium ausgeschlossen, ihre Möglichkeiten zu arbeiten wurden massiv eingeschränkt und ihre Bewegungsfreiheit wird immer stärker kontrolliert. 

Inzwischen geht es längst nicht mehr um einzelne diskriminierende Maßnahmen. Gesetze, Dekrete und staatliche Kontrollmechanismen greifen ineinander und schaffen ein System, das Frauen systematisch aus Bildung, Erwerbsarbeit, politischer Teilhabe und dem öffentlichen Leben ausschließt. Viele afghanische Frauenrechtsaktivistinnen bezeichnen diese Realität deshalb als Genderapartheid. Der Begriff macht deutlich, dass es sich nicht um vereinzelte Menschenrechtsverletzungen handelt, sondern um ein institutionalisiertes System der Ausgrenzung und Unterdrückung. 

Besonders besorgniserregend ist, dass diese Entrechtung zunehmend gesetzlich verankert wird. Neue Regelungen erschweren Frauen den Zugang zu Schutz, Recht und Unterstützung. Wer von häuslicher oder sexualisierter Gewalt betroffen ist, hat oft kaum noch Möglichkeiten, Hilfe zu erhalten oder Gewalt anzuzeigen. Gleichzeitig begünstigen familienrechtliche Änderungen Früh- und Zwangsverheiratungen und nehmen vielen immer jüngeren Mädchen jede Bildungs- und Zukunftsperspektive. 

Frauen, die sich für Menschenrechte engagieren, sind massiven Risiken ausgesetzt. Aktivist:innen, Journalist:innen und zivilgesellschaftlich engagierte Frauen leben unter ständiger Bedrohung, viele mussten ihre Arbeit einstellen, in den Untergrund verlagern oder das Land verlassen. 

Die Folgen all dessen sind tiefgreifend. Unsere Partnerinnen berichten von Angst, Erschöpfung und Isolation, aber auch vom Verlust wirtschaftlicher Unabhängigkeit und gesellschaftlicher Teilhabe. Mich hat zuletzt die Geschichte einer afghanischen Journalistin sehr bewegt, die über eine unserer Partnerorganisationen Schutz erhielt. Sie erzählte: “Manchmal reichte das Geräusch eines Klopfens an der Tür aus, damit mein Herz rase und mein ganzer Körper zitterte.” Solche Erfahrungen zeigen, wie eng körperliche Sicherheit, psychische Gesundheit und Handlungsmöglichkeiten miteinander verbunden sind. 

Und doch ist das nicht die ganze Geschichte. In der Zusammenarbeit mit unseren Partnerinnen begegne ich immer wieder Frauen, die mit großer Klarheit analysieren, was in ihrem Land geschieht, füreinander einstehen und sich nicht damit abfinden, unsichtbar gemacht zu werden. Mit beeindruckender Kreativität und Beharrlichkeit finden sie Wege, Überlebende zu unterstützen und selbst unter schwierigsten Bedingungen Hoffnung und Veränderung möglich zu machen. Genau darin liegt für mich die besondere Stärke afghanischer Frauen. 

Die Taliban versuchen, Frauen vollständig aus dem öffentlichen Leben zu verdrängen. Ist Frauenrechtsarbeit unter diesen Bedingungen überhaupt noch möglich – und wenn ja, wie? 

Ja, Frauenrechtsarbeit ist weiterhin möglich – aber sie sieht heute grundlegend anders aus als noch vor fünf Jahren und ist mit enormen Risiken verbunden. Vieles, was früher öffentlich stattfinden konnte, kann heute nur noch im Verborgenen geschehen. 

Frauenrechtsaktivist:innen und unsere Partnerorganisationen arbeiten unter Bedingungen, die von Überwachung, Bedrohung und persönlicher Gefährdung geprägt sind. Gleichzeitig kämpfen sie mit drastischen Mittelkürzungen. Trotzdem finden sie immer wieder Wege, Frauen und Mädchen zu unterstützen und feministische Netzwerke aufrechtzuerhalten. 

Mich beeindrucken dabei immer wieder ihre Kreativität und politische Klarheit. Sie entwickeln Lösungen, die an die schwierigen Bedingungen angepasst sind. So wird beispielsweise Rechtsberatung für gewaltbetroffene Frauen in Gesundheitsangebote oder einkommensschaffende Maßnahmen integriert. Dadurch können Frauen Unterstützung erhalten, ohne sich zusätzlichen Risiken auszusetzen. 

In der Zusammenarbeit mit unseren Partnerinnen habe ich viel darüber gelernt, wie wichtig sichere Räume sind. Räume, in denen Frauen Erfahrungen teilen, sich gegenseitig stärken und erleben, dass sie mit ihren Sorgen nicht allein sind. Gerade unter Bedingungen von Gewalt und Ausgrenzung entstehen dort neue Perspektiven, Strategien und Hoffnung. 

Beeindruckend ist auch, wie Frauen Wege finden, mit Schmerz, Verlust und Unsicherheit umzugehen. Durch gemeinsames Erzählen, Kultur, Musik oder Reflexion schaffen sie Gemeinschaft und stärken sich gegenseitig. Diese Formen kollektiver Fürsorge sind weit mehr als Bewältigungsstrategien – sie sind ein kraftvoller Ausdruck von Widerstand. 

Dabei geht ihr Engagement weit über die Unterstützung einzelner Frauen hinaus. Afghanische Aktivist:innen dokumentieren Menschenrechtsverletzungen, machen die Situation von Frauen und Mädchen international sichtbar und setzen sich für Gerechtigkeit und ein Ende der Straflosigkeit ein. 

Viele gehen dabei bis an die Grenzen ihrer Kräfte. Immer wieder höre ich von unseren Partnerinnen denselben Satz: „Wir müssen Frauen unterstützen. Wir dürfen nicht zulassen, dass sie vergessen werden.“ Dieser unermüdliche Einsatz – trotz aller Gefahren – beeindruckt mich jedes Mal aufs Neue. 

 

Warum internationale Solidarität jetzt entscheidend ist

Trotz all dem verschwindet Afghanistan zunehmend aus den Schlagzeilen und die internationale Unterstützung lässt nach. Welche Folgen hat das für Frauen und Mädchen? 

Viele unserer afghanischen Partnerinnen sagen uns: “Die Repressionen nehmen zu, während die Welt immer weniger hinschaut.” Sie beschreiben das Gefühl, vergessen worden zu sein. Das ist eine gefährliche Entwicklung. 

Wenn politische Aufmerksamkeit schwindet, geraten auch die Rechte und Anliegen afghanischer Frauen aus dem Fokus internationaler Entscheidungsträger:innen. Gleichzeitig gehen Fördermittel zurück – obwohl der Bedarf an Unterstützung unverändert hoch oder sogar größer geworden ist.  

Mich beschäftigt dabei besonders, dass sich eine schleichende Gewöhnung einstellen könnte. Je länger die Taliban an der Macht sind, desto größer ist die Gefahr, dass ihre systematische Entrechtung von Frauen als neue Normalität wahrgenommen wird. Genau das dürfen wir nicht zulassen. 

Internationale Aufmerksamkeit allein verändert die Situation nicht. Aber sie ist oft die Voraussetzung dafür, dass politischer Druck entsteht, Verantwortliche zur Rechenschaft gezogen werden und Frauenrechtsorganisationen die Unterstützung erhalten, die sie dringend brauchen. 

Hinzu kommt, dass sich die humanitäre Lage weiter verschärft. Millionen Menschen sind auf Hilfe angewiesen, und Frauen und Mädchen tragen die Folgen von Armut, Hunger und Ausgrenzung besonders stark. Deshalb tragen Regierungen, internationale Institutionen und Medien eine besondere Verantwortung, Afghanistan nicht aus dem Blick zu verlieren. 

medica mondiale ist seit mehr als 25 Jahren in Afghanistan aktiv. Wie unterstützen Sie gemeinsam mit Ihren Partnerorganisationen Frauen und Mädchen vor Ort – und warum ist diese Arbeit heute wichtiger denn je? 

medica mondiale arbeitet seit mehr als 25 Jahren mit afghanischen Partnerorganisationen zusammen. Im Mittelpunkt unserer Arbeit steht nicht, Lösungen von außen vorzugeben, sondern feministische Akteurinnen dabei zu unterstützen, ihre Arbeit langfristig fortzuführen und ihre Handlungsspielräume zu erhalten – gerade unter den heutigen Bedingungen. 

Gemeinsam mit unseren Partnerinnen begleiten wir Frauen und Mädchen, die Gewalt erlebt haben. Sie erhalten psychosoziale Unterstützung, Schutz und Beratung sowie Zugang zu wichtigen Hilfsangeboten. Weil öffentliche Frauenrechtsarbeit kaum noch möglich ist, braucht es heute oft kreative Ansätze. 

Ein weiterer Schwerpunkt ist der Schutz von Frauenrechtsverteidigerinnen und Aktivistinnen. Gemeinsam mit unseren Partnerorganisationen leisten wir Notfallhilfe, organisieren Schutzmaßnahmen und psychosoziale Begleitung und stehen Frauen zur Seite, die trotz persönlicher Bedrohung weiterhin für die Rechte anderer eintreten. 

Gleichzeitig investieren wir in die Zukunft. Über Programme wie das Lawyering Skills Program erhalten junge Frauen trotz der Bildungsverbote die Möglichkeit, juristische Kenntnisse und praktische Erfahrungen zu erwerben. So unterstützen unsere Partnerinnen eine neue Generation von Frauen, die sich langfristig für Rechte, Gerechtigkeit und gesellschaftliche Teilhabe einsetzen kann. 

Mindestens genauso wichtig ist für mich aber etwas anderes: Gemeinsam schaffen wir Räume, in denen Frauen sich austauschen, gegenseitig stärken und voneinander lernen können. Gerade in einem Umfeld, das auf Kontrolle und Isolation setzt, sind solche Netzwerke von unschätzbarem Wert. Sie geben Frauen Halt, stärken ihre psychische Gesundheit und helfen ihnen, Wissen, Erfahrungen und Strategien miteinander zu teilen. Unsere Trainings im stress- und traumasensiblen Ansatz oder digitale Sicherheitstrainings sind dafür gute Beispiele. 

In akuten Krisen unterstützen wir unsere Partnerinnen außerdem über unseren Nothilfefonds, etwa nach Naturkatastrophen oder anderen humanitären Notlagen. 

Gerade heute ist diese Arbeit wichtiger denn je. Je stärker Frauen aus dem öffentlichen Leben verdrängt werden, desto wichtiger werden die Räume, Beziehungen und Netzwerke, die sie füreinander schaffen. Feministische Arbeit in Afghanistan bedeutet deshalb nicht nur, auf Gewalt zu reagieren. Sie bedeutet auch, Hoffnung zu bewahren, Solidarität zu stärken und die Grundlagen für zukünftige gesellschaftliche Veränderungen zu erhalten.

Was müssen die Bundesregierung und die internationale Gemeinschaft tun, um Frauen und Mädchen in Afghanistan zu unterstützen? 

Die Rechte von Frauen und Mädchen müssen konsequent ins Zentrum der Afghanistan-Politik gestellt werden. Es darf keine politische Normalisierung eines Regimes geben, das Frauen systematisch entrechtet und aus dem öffentlichen Leben ausschließt. 

Gleichzeitig muss die internationale Gemeinschaft anerkennen, dass es sich nicht um einzelne Menschenrechtsverletzungen handelt, sondern um ein umfassendes System der Unterdrückung. Viele afghanische Frauenrechtsaktivistinnen sprechen deshalb von Genderapartheid. Ihre Analysen und Forderungen müssen in internationalen Debatten und Rechenschaftsprozessen ernst genommen werden. Bestehende Mechanismen zur Verfolgung von Menschenrechtsverletzungen müssen konsequent genutzt und weiterentwickelt werden, damit diese Verbrechen nicht straflos bleiben. 

Ebenso wichtig ist eine langfristige und flexible Unterstützung lokaler Frauenrechtsorganisationen. Trotz extremer Einschränkungen begleiten sie Überlebende von Gewalt, schaffen Schutz- und Austauschräume und halten feministische Netzwerke aufrecht. Diese Arbeit braucht verlässliche politische und finanzielle Unterstützung. 

Außerdem müssen afghanische Frauen an allen politischen Prozessen beteiligt werden, die die Zukunft ihres Landes betreffen. Entscheidungen über Afghanistan dürfen nicht ohne diejenigen getroffen werden, die die Folgen dieser Entscheidungen jeden Tag erleben und sich seit Jahren für die Rechte von Frauen und Mädchen einsetzen. 

Besondere Aufmerksamkeit braucht schließlich der Schutz von Frauenrechtsverteidigerinnen. Viele arbeiten unter hohem Risiko oder leben im Exil in unsicheren Verhältnissen. Sie brauchen sichere Zugangswege, wirksame Schutzmechanismen und langfristige Perspektiven. 

Letztlich bedeutet internationale Solidarität vor allem eines: afghanischen Frauen zuzuhören, ihre Expertise ernst zu nehmen und sie nicht nur als Betroffene, sondern als politische Akteurinnen und Gestalterinnen von Veränderung anzuerkennen. 

 

Hoffnung entsteht dort, wo Frauen sich gegenseitig stärken

Und was können Menschen in Deutschland tun, um Frauen und Mädchen in Afghanistan zu unterstützen? 

Solidarität beginnt oft mit einer einfachen, aber wichtigen Entscheidung: nicht wegzuschauen. 

Menschen in Deutschland können dazu beitragen, dass die Situation von Frauen und Mädchen in Afghanistan sichtbar bleibt. Sie können die Stimmen afghanischer Frauen weitertragen, sich informieren und Organisationen unterstützen, die eng mit Frauenrechtsaktivistinnen vor Ort zusammenarbeiten. So helfen sie mit, dass wichtige Schutz- und Unterstützungsangebote bestehen bleiben. 

Genauso wichtig ist es, politischen Druck aufrechtzuerhalten. Die Bundesregierung muss sich weiterhin für die Rechte von Frauen und Mädchen einsetzen und diese nicht hinter migrations- oder sicherheitspolitischen Interessen zurückstellen. Sie sollte lokale Frauenrechtsorganisationen langfristig unterstützen, sich für die internationale Verfolgung von Menschenrechtsverletzungen einsetzen und afghanische Frauen an politischen Entscheidungen über die Zukunft ihres Landes beteiligen. 

Mit Sorge beobachten wir, dass die systematische Entrechtung von Frauen und Mädchen zunehmend aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwindet und gleichzeitig die Gefahr wächst, die Taliban schleichend zu normalisieren. Gerade deshalb ist es wichtig, menschenrechtliche Prinzipien konsequent einzufordern und politische Verantwortung sichtbar zu machen. 

Vor allem aber wünsche ich mir, dass wir unseren Blick auf Afghanistan verändern. Afghanische Frauen sind nicht nur Opfer von Unterdrückung. Sie sind Frauenrechtsverteidigerinnen, Journalistinnen, Juristinnen und Aktivistinnen. Sie analysieren die Situation in ihrem Land mit großer Klarheit, entwickeln Lösungen und setzen sich trotz enormer Risiken für andere Frauen ein. 

Die Frage ist deshalb nicht, ob afghanische Frauen ihre Stimmen erheben – das tun sie seit Jahren. Die entscheidende Frage ist, ob wir bereit sind, ihre Forderungen ernst zu nehmen und an ihrer Seite zu stehen. Genau dort beginnt internationale Solidarität.

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Veranstaltung von medica mondilale und Partner:innen © Anna-Verena Müller
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