15. Juni 2026 - Meldung

Feministische Widerstandskraft stärken

Weltweit werden die Handlungsspielräume zivilgesellschaftlicher Organisationen beschnitten. Radikale Kürzungen bei der humanitären Hilfe und in der Entwicklungszusammenarbeit verschärfen die Situation und treffen viele feministische Organisationen besonders hart. Die Kürzungen kommen zu einer Zeit, in der Frauenrechtsaktivist:innen zunehmend angefeindet und verfolgt werden. Dem stellen wir uns entgegen. Wir stärken die Resilienz unserer Partnerorganisationen und schaffen Räume, in denen Aktivist:innen neue Kraft schöpfen können. Wie, das erfahren Sie in diesem Artikel.

Mitarbeiter:innen von medica mondiale auf einer Demo zum Weltfrauentag © Melina Kohr / medica mondiale

medica mondiale setzt auf langfristige Partnerschaften. Meist findet das erste Projekt im Rahmen von Kleinprojekten (Small Grants) statt. Mit der Zeit vertiefen wir die Zusammenarbeit – bis hin zu mehrjährigen Drittmittelprojekten. „Zwischen der finanzierenden und der ausführenden Organisation besteht automatisch ein Machtungleichgewicht. Durch den schrittweisen Aufbau der Zusammenarbeit verhindern wir, dass zu stark in die Identität der Partnerorganisation eingegriffen wird“, erläutert Jana Ongoma Schwerdtfeger, Leitung Internationale Programmarbeit bei medica mondiale. „Gerade große Geberinstitutionen haben starre Regularien, die entsprechend die Ausgestaltung der Projekte prägen.“ 

Portraitfoto von Jana Ongoma Schwerdtfeger © Sarah Eick/medica mondiale

Eine starke Organisation kennt ihre Identität. Über den Weg kann gestritten werden, aber das Ziel ist klar. Wenn Geberinstitutionen verlangen, dass bestimmte Themen – etwa Klima oder Bildung – Teil der Projektarbeit werden, obwohl sie nicht Teil der Identität sind, besteht die Gefahr, das Ziel aus den Augen zu verlieren. Ohne klares Ziel aber funktioniert eine Organisation nur über autoritäre Führungspersonen. Und das wiederum erhöht die Gefahr von Burnout und Kündigungen innerhalb des Teams – und schwächt am Ende die gesamte Organisation.

Jana Ongoma Schwerdtfeger

 

Mit Grund- und Brückenfinanzierung (Core-Funding, Bridge-Funding) versucht medica mondiale bei Bedarf, das Überleben von Partnerorganisationen zu sichern. Und der Nothilfe-Fonds ermöglicht es, in Krisensituationen schnell und unbürokratisch Partner:innen zur Seite zu stehen. Die Kürzungen in der Entwicklungszusammenarbeit machen es jedoch auch uns zunehmend schwer, diesen Ansatz aufrecht zu erhalten. Mit neuen Strategien reagieren wir auf die Herausforderungen. 

Nur 0,2 Prozent der öffentlichen Entwicklungsleistungen (ODA) fließen an Frauenrechtsorganisationen. (Quelle: Equal Measures 2030) 

Sicherheit durch Netzwerke & Trainings

Starke Netzwerke und die Verwurzelung in Gemeinschaften vor Ort erhöhen die Sicherheit der Organisationen. Deshalb schaffen wir nationale und überregionale Austauschformate. Das stärkt die Expertise und die Glaubwürdigkeit der Organisationen, vor allem im Bereich Advocacy.

Advocacy – häufig unsichtbar, aber unverzichtbar!

Derzeit gewinnen antifeministische Akteur:innen massiv an Einfluss. Sie kollaborieren mit autoritären Regierungen und fundamentalistischen religiösen Institutionen. Erfolgreiche feministische Advocacy-Arbeit stellt sich dem entgegen. Sie verteidigt Handlungsspielräume für Aktivist:innen, schützt Erfolge feministischer und Frauenrechtsarbeit und sorgt dafür, frauenfeindliche Strukturen und Einstellungen aufzubrechen – Voraussetzung, um Gewalt zu beenden.

„Feministische Organisationen kämpfen nicht nur für die Rechte von Frauen. Sie kämpfen für Freiheit und Selbstbestimmung aller. Eine freie, demokratische Gesellschaft braucht feministische Organisationen. Deshalb ist die Achtung von Frauenrechten ein wichtiger Gradmesser: Werden die Rechte von Frauen und anderen marginalisierten Personengruppen angegriffen, ist das oft der erste Schritt in Richtung Autoritarismus.“

Jana Ongoma Schwerdtfeger

Weitere Schutzmaßnahmen

Sexualisierte Cyber-Gewalt, öffentliche Einschüchterungen, soziale Isolation – unsere Partner:innen erleben immer wieder bedrohliche Situationen. Um sie bestmöglich zu schützen, finanzieren wir 

  • Schutzmaßnahmen wie Überwachungskameras und Sicherheitspersonal sowie 

  • Sicherheitstrainings für die Mitarbeit:innen. 

„Die Angriffe auf Aktivist:innen sind derzeit massiv. Gleichzeitig erleben wir so viele Krisen und Konflikte wie seit dem Ende des 2. Weltkriegs nicht mehr. Existenz- und Handlungsdruck sind enorm. So viele feministische Akteur:innen kämpfen trotz Erschöpfung weiter. Für sich, für ihre Kinder, für ihre Gemeinschaften. Und letzten Endes für uns alle.“

Jana Ongoma Schwerdtfeger

Self- und Staffcare

medica mondiale versteht Selbst- und Mitarbeiter:innenfürsorge als kollektive, politische Praxis. Sie umfasst die individuelle und organisationale Ebene und bezieht intersektionale Perspektiven bewusst ein.

Gefährdet und unterfinanziert

Eine Studie von UN Women belegt die Folgen der weltweiten Kürzungen bei Nothilfe und Entwicklungszusammenarbeit: 

  • Ein Drittel der befragten Frauenrechtsorganisationen mussten bereits Programme aussetzen oder ganz einstellen. 

  • 33 Prozent gaben an, dass ihre Advocacy-Arbeit durch Mittelkürzungen beeinträchtigt wurde. 

  • 62 Prozent berichteten von Burn-out der Mitarbeitenden aufgrund der Unsicherheit. 

… während 59 Prozent davon berichten, dass Straflosigkeit und die Normalisierung von Gewalt zunehmen. 

Quelle: UN WOMEN, 2025 

 

Veranstaltung von medica mondilale und Partner:innen © Anna-Verena Müller
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